Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 343 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316683--08313-2328063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 34o sie in Berlin eine Resolution für höhere Getreidezölle angenommen. Dabei wurde behauptet, „daß hohe Getreidepreise nicht auch immer hohe Brotpreise bedingten; nur der Zwischenhandel der Juden verteure dem armen Mann das Brot". Unter solchen Umständen sind die Herren Liebermann und Werner der Sympathien der „Kreuz- Zeitung" sicher, welche ebenso wie die „Deutsche Tageszeitung" das „antisemitische Agrarierthum" vertritt und ganz im Sinne Liebermanns über den jetzigen jüdischen Leiter der italienischen Handelspolitik Luzatti zetert, der in einer Rede öffentlich die maßlosen Ansprüche der deutschen Agrarier gegeißelt und diese „die gefräßigste unter den bekannten Rassen" genannt haben soll. Der deshalb von der „Kreuz-Zeitung" dem Luzatti ertheilte Rath, als „Angehöriger der jüdischen Rasse das Rassenbewußtsein ruhen zu lassen", gehört auch in das Register der antisemitischen Retourkutschen! Trotzdem in Oesterreich der Antisemitismus noch eine herrschende Stellung einnimmt, finden sich doch auch dort hochangesehene Männer, die charaktervoll genug sind, ihren Abscheu vor dem judenfeiudlichen Borerthum offen kundzugeben. Der Wiener Professor Dr. Fr. Kick sandte kürzlich eine Ehrenkarte zu dem Feftkommers des „Kyffhäuser-Berbands der wehrhaften Vereine deutscher Studenten der Ostmark" mit einem Schreiben zurück, in dem er erklärte: „Aus einer von Bayern vor etwa 150 Jahren nach Wien eingewanderten katholischen Familie stammend, stehe ich doch der „deutschvölkischen" Rassenhetze als entschiedener Gegner gegenüber. Mir erscheint der Rassen-Antisemitismus eines Deutschen ebenso unwürdig , als der Geschäfts- Antisemitismus der „Luegerianer". Es giebt nicht wenige deutsch und ideal gesinnte Juden, und in einer Gesellschaft, welche dieselben als nicht satisfaktionsfähig betrachtet, habe ich trotz vieler Berührungspunkte deutschen Hochgefühls nichts zu suchen." Die neueste giftige Blüthe des österreichischen Raffen-Antisemitismus hat sich auf dem Gebiete der Turnerei erschlossen. Unter stürmischen Heilrufen hat der Kreistag des 15. Kreises der deutschen Turnerschaft mit 120 gegen nur 15 Stimmen den Antrag angenommen, daß fortan nur Deutsche arischer Abstammung als Mitglieder in die Verbandsvereine ausgenommen werden dürfen. Der christlich-soziale Wiener Stadtrath ist zwar ebenso judenfeindlich gesinnt wie die alldeutschen Vereine des niederösterreichischen Turngaues, hat aber letzterem die bisher von ihnen benutzten städtischen Schulturuplätze entzogen. Zeitweilig tritt nämlich in Wien 'selbst die Judenhetze vor dem wüthenden Kampf zurück, der Zwischen den „alldeutschen" Anhängern Wolfs und Schönerers und den christlich-sozialen Myrmi-