Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 267 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 207 zu Knappen der Reaktion ermiedrigt worden wären und ihre eigenen Bürgerrechte in die Schanze geschlagen hätten, nur um den zweifelhaften Triumph zu genießen, einen Theil der Mitbürger entrechten zu helfen. Vor einem Jahrhundert würde man den verhöhnt haben, der geweissagt hätte, daß man am Anfänge des 20. Jahrhunderts selbst in gebildeten Kreisen Deutschlands den Ausgeburten der Phantasie des dunkelsten Mittelalters wieder Glauben schenken würde, daß z. B. von einem deutschen Gymnasiallehrer unserer Zeit die Gräuel der spanischen Inquisition verherrlicht werden, daß jemals selbst in einzelnen Richtersprüchen sich Anschauungen wiederspiegeln könnten, wie solche der in den seltsamen Begriffen seiner Zeit befangene Verfasser des juristischen Werkes, „Oeeouomia juris" Berger, vor etwa 200 Jahren in dem abscheulichen Sah kundgab: „.ludaous qua Judaeus ad scelera perpetranda quaevis proclivis praesumitur et prointns". Es ist wahrlich hohe Zeit, daß sich wieder Männer von Geist und Muth finden, die wie Ulrich von Hutten den'Dunkelmännern den Fehdehandschuh hinwerfen, wie Gotthold Ephraim Lejsing das deutsche Volk daran erinnern, das; der Stifter der christlichen Religion selbst ein Jude war, wie Jean Jacques Rousseau danach streben, die Jugend zu freien und edlen Menschen zu erziehen, wie Voltaire weitere Justizmorde zu verhindern, wie Goethe selbst noch am Ende eines der Aufklärung gewidmeten Lebens immer noch „mehr Licht" zu verlangen. Wie eine bittere Satire auf die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts klingt es, daß man «feiner iclt der großartigsten Errungenschaften auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und Kunst noch eine Umfrage bei Gelehrten für nöthig hält, „ob sie den Juden Mordthaten zu religiösen Zwecken Zutrauen oder nicht." Darauf antwortet der Professor Theodor Mommsen, der gelehrte christliche freund eines unvergessenen deutschen Volksvertreters jüdischen Glaubens, L. Bamberger mit Recht nichts weiter als „Die Volksbetrüger werden nicht alle und die Betrogenen auch nicht!" Diese scharfe Bemerkung verwundet gewisse „Volksfteunde" so sehr, daß sie sich vor Schmerz und Verlegenheit winden. Die „Kreuz-Ztg." die kaum im Unklaren darüber sein kann, wen Mommsen meint, schreibt: „Diese Worte lassen allerdings eine doppelte Deutung zu, und könnten injofern zu dem bekannten Ausspruche paffen; denn wer die „Volksbetrüger" und die „Betrogenen sind, sagt Professor Mommsen nicht." Das braucht er wahrlich nicht, wenn der sich kratzt, den es juckt! Die Dresdner „Deutsche Wacht" sagt: „Zu Volksbetrügern rechnen wir auch die Perlenen, die den Juden zu Liebe ihre Gesinnung