Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Wissenschaft oder Gefühlsäußerung?
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 206 (sequence 10)
- Language
- German
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206 Im deutschen Reich. So zeigt also hier, nach Schmollers eigener Ansicht, der „Semit" Lassalle mehr Fassungskraft für die realen Seiten des Staatslebens als der „Arier" Rodbertus. Schmoller rühmt auch noch andere jüdische oder von Juden abstammende Gelehrte als Förderer seiner Wissenschaft, z. B. Gustav Cohn (S. 28), Bernstein und Schönlank (S. 98), Schnapper-Arndt (S. 119). Fügen wir zu den hier schon Genannten noch Männer wie Stahl, Gumplowicz, Leser und Laband, so würde für den, der die Leistungen dieser Männer kennt, kein Zweifel sein, daß es keine besondere semitische oder jüdische Staatsauffassung giebt. Es giebt christliche und jüdische Forscher von hervorragender, mittlerer und ganz minimaler Bedeutung; beide Gruppen vertheilen sich aber auf die verschiedensten Richtungen. Wer ohne gründliche historische Studien und namentlich ohne Disziplinierung des Denkens allgemeine Theorien über Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände aufstellt, wird stets der Gefahr ausgesetzt sein, die staatlichen Nothwendigkeiten und Härten nicht genügend zu berücksichtigen. Denselben Vorwurf, den Schmoller gegen Marx erhebt und^der in der That auch bei manchen anderen jüdischen Staatswissenschaftlern, z. B. bei dem Wiener Utopisten Hertzka zutrifft, kann man sicher nicht nur bei zahlreichen arischen Vorgängern und Schülern von Karl Marx, sondern auch bei den unzweifelhaft arischen Edelleuten Moritz von Egidy und Graf Leo Tolstoi erheben. Bei ihnen trifft dieser Vorwurf sogar noch weit mehr als bei Marx zu. Schmoller selbst sagt bezüglich des Kapitels über die Rassen und Rationen: „Die Grundprobleme sind noch theilweise unaufgeklärt. Die Klassifizierung der Erscheinungen und die sich daraus ergebenden Schlüsse sind noch wenig vollendet". So dürfte nach seiner eigenen Ansicht eine Untersuchung, welche aus der seinigen weiter baut, wohl in manchen Beziehungen zu abweichenden Ergebnissen kommen. Jedenfalls wird auch, wer ohne durch die Theilnahme an pathologischen Massengefühlen und durch persönliche Abneigung gegen einzelne Personen irre geleitet zu sein, die Deutschen christlichen und jüdirchen Bekenntnisses vergleicht, vergeblich nach Unterschieden suchen, welche in letzter Linie auf Verschiedenheiten des Gehirnes zurückzuführen wären. Daß gewisse Verschiedenbeiten noch zwischen beiden Gruppen existieren, kann selbstverständlich nicht in Abrede gestellt werden. Sie erklären sich aber genügend aus den bekannten historischen Vorgängen sowie aus der durch Staat und Gesellschaft erzwungenen Beschränkung auf bestimmte Erwerbszweige und der größtenteils noch fortbestehenden gesellschaftlichen Isolierung. Schon vor 40 Jahren wies ein Kollege