Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Wissenschaft oder Gefühlsäußerung?
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 197 (sequence 1)
- Language
- German
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197 Wissenschaft oder Gefühlsäußerung? Zur Kritik von Gustav Schmoller's Ausführungen über die Juden. Von Correktor. In einer zu Beginn dieses Jahres erschienenen Schrift*), weist ein angesehener badischer Geschichtsforscher Peter Albert nach, auf wie unsicherer Grundlage eine seit mehr als sechs Jahrzehnten häufig in volkskundlichen und historischen Werken gegebene Charakteristik seiner engeren Landsleute, der Bewohner des Odenwaldes, ruht. Ein aus dem südlichen Baden stammender Schriftsteller behauptete nämlich 1839 von den Odenwäldern, ohne sie persönlich zu kennen, sie seien „derb, unwissend und beschränkt"; sowie dies aber gedruckt war, fanden seine Worte „zahlreiche gelehrige Schüler und Nachbeter". Jene Verleumdungen beherrschen nach Albert noch heute vielfach die Beamtenwelt und sind auch in's Volk gedrungen, während doch die Ausführungen, in denen sie enthalten sind, von leicht zu erkennenden Widersprüchen und Fehlern wimmeln. So bricht Albert denn in Bezug auf jene Charakteristik der Bewohner des Odenwaldes in die Worte aus: „Je ungereimter etwas ist, desto mehr Anhänger pflegt es mancherorts zu finden, zumal, wenn man es immer wieder von Neuem und noch dazu unter dem Schein der Wissenschaftlichkeit vorgebracht sieht." Sicher erklärt die in dieser Bemerkung wiedergegebene Thatsache auch viel von dem großen Einfluß, welchen manche antisemitische Verleumdungen ausüben. Gleichzeitig scheint mir aber auch die von Albert gerügte Herabsetzung seiner engeren Landsleute mit den ungerechten Anklagen, welche wir in wissenschaftlichen Werken vielfach gegen die Juden erhoben sehen, noch etwas anderes gemeinsam zu haben. In beiden Fällen dürste der wahre Grund des falschen Unheils darin liegen, daß, wer eine von der seinigen in manchen Punkten' abweichende Bevölkerungsgruppe schildern will, bei den Differenzen durch seine Eigenliebe irregcführt, nur zu leicht auf der einen Seite lediglich oder ganz vorwiegend Mängel, auf der anderen Seite nur Vorzüge wahrnimmt. Auch bei dem sorgsältigft Arbeitenden kann so eine Trübung des Urtheils entstehen. Bei Urtheilen über die Juden wird dies namentlich dann der Fall sein, wenn bei dem betreffenden Forscher, außer der Betheiligung *) Baden zwischen Neckar und Main in den Jahren 1803—1806, S. IS ff.