Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Die Juden im preußischen Osten
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316681-2327598--08011-2327700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Im deutschen Reich. weder steigern noch zügeln.- Die „Posener Zeitung" sagt treffend: „Zn den Redaktions-Bureaus der polnischen Zeitungen sitzen schließlich doch auch Männer von einer gewissen Erfahrung und Bildung. Werden diese Herren denn nicht der ungeheuren Anmaßung und Ueberhebung sich bewußt, die sie damit an den Tag legen, daß sie mit ihrer freundlichen Toleranz in eben demselben Momente aufhören, wo es den preußischen Juden einmal gefällt, ihr Deutschthum zu betonen?. Und woher beziehen diese Herren das Recht, den Juden zu sagen, zu weicher Rationalität sie sich zu bekennen haben?" Dabei übersieht die „Posener Zeitung" nur, daß derselbe Fehler gar oft auch von deutscher Seite begangen wird! Auch dort verkennt man, daß das Judenthnm keinen seiner Bekenner auf irgend ein politisches Bekenntniß verpflichtet. Es steht jedem Juden frei, seiner persönlichen politischen Ueberzeugung zu folgen; selbstverständlich wird und kann er sich keiner Fraktion anschließen, die ihm seine staatsbürgerlichen Rechte offen oder auf Umwegen verkümmert. Diejenigen deutschen Konservativen, deren Ideal der von dem getauften Stahl-Schlesingererfundene „christliche Staat" ist, und die deshalb die Juden nur als „geduldete Gäste" behandeln möchten, behaupten schlankweg, daß sie Bundesgenoffen der Sozialdemokraten seien, trotzdem in Deutschland sich in allen politischen Parteien, welche Juden nicht ausschließen, Juden zu finden sind. Die Sozialdemokraten treten doch nicht wegen einzelner jüdischer Parteigenossen für die Gleichberechtigung der Juden ein, sondern kämpfen sehr richtig dagegen an, daß die Rechtsgleichheit etwa zur Fiktion gemacht werde. Anscheinend sind diejenigen Parteien minder politisch reif, die sich selbst gegen die Staatsbürgerdeutscher Rationalität nicht zurücksetzen lassen wollen, aber nichts dagegen haben, wenn die Staatsbürger jüdischen Glaubens mit Rücksicht auf gewisse „Imponderabilien" als Bürger zweiter Klasse behandelt und schließlich zu Heloten gemacht werden. Nicht den geringsten Grund haben die Polen, dagegen zu protestieren, wenn ein jüdischer Bürger Posens auf die Verdienste seiner in der Ostmark lebenden Glaubensgenossen um Las Deutschtum hinweist, und dabei erklärt: „Wir wollen nicht, daß zu unfern Ungnnsten das sonnenklare Recht mit kaltem Gewissen und eherner Sürn gebeugt wird!" Der deutsche Jude der Provinz Posen verlangt keine Privilegien, sondern nur das ihm durch Gesetz und Verfassung verbriefte gleiche Recht mit seinem christlichen Mitbürger; der polnische Bürger der Provinz Posen kann und darf doch auch wohl nicht mehr verlangen als Rechtsgleichheit mit den Bürgern deutscher Nationalität. Die Minderheiten der Bevölkerung haben sicher keinen Grund, sich