Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. 186

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Die Juden im preußischen Osten
Date
1901-04-01
Page
186 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316676-2316681-2327598--08007-2327696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

186 Im deutschen Reich sind unsere Vorfahren unter dem Druck von Verfolgungen aus dem Westen Deutschlands nach Polen eingewandert. Sie haben nie die deutsche Sprache aufgegeben; sie haben deutsch gesprochen, das Deutsch ihrer fränkischen und schwäbischen Heimath, als die Väter von manch' einem, der uns heute unser Deutschthum absprechen möchte, noch tief im Slaventhum steckten. (Bravo!) Und als dann dieses Land hier von Polen "gelöst wurde und zu Preußen kam, da waren es unsere Väter, die einen großen Tbeil des deutschen Kulturwerkes hier auf ihre Schultern nahmen. Wenn die Städte in der Provinz Posen hauptsächlich Bollwerke des Deutschthüms geworden sind, so haben unsere Väter einen guten, vielleicht den besten Thei! der Arbeit geleistet. (Bravo!) Zu tausenden haben sich die christlichen Deutschen polonisiert; kein Jude hat dergleichen gethan, kein Jude hat seine deutsche Sprache und seinen Zusammenhang mit der deutschen Kultur aufgegeben. Wir stehen also nicht nur auf unserem Recht, wir stehen hier auf einem Stück Erde, das wir in erster Reihe mitgeholfen haben, zu einem deutschen zu machen, und das, meine Herren, w'-llen wir heute ganz besonders betonen." In diesem Ausdruck warmer patriotischer Gefühle und aufrichtiger Verehrung deutscher Sprache und Kultur kann nur dann eine feindselige Empfindung gegen die polnischen Mitbürger gefunden werden, wenn man in jene Sätze einen denselben völlig fremden Sinn künst. lich hineinlegt. Kein im preußischen Osten lebender deutscher Jude wird den Polen die Anerkennung dafür versagen, daß sie zur Zeit der mittelalterlichen Judenhetzen den Verfolgten eine sichere Zuflucht boten. Aber diese Wohlthat ist doch auch nicht unbelohnt geblieben. Die Juden, welche in das damals noch ziemlich öde Slavenland einwanderten. um den Martern zu entgehen, die ihnen in der deutschen Heimath drohten, haben Polen denselben Segen gebracht, wie später die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten den deutschen Zufluchtsorten, welche nach dem Zuzug fleißiger und intelligenter Leute durch das Aufblühen von Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft reich belohnt worden sind. Wenn die Hugenotten sich mit den Deutschen rasch, die Juden mit den Polen aber nie asiimiliert haben, so gereicht dies den deutschen Juden nicht zur Schande. Mit derselben Zähigkeit, mit welcher die Juden dem Glauben anhingen, für den sie Haus und Herd verlassen mußten, bewahrten sie in Polen der deutschen Sprache und Sitte eine feste Treue; sie widmeten dem neuen Vaterlande Dank, Liebe und Fleiß, ohne das alte zu vergessen und zu verleugnen; sie wurden in Polen nicht nur die Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.