Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-02-01
- Page
- 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316679--07788-2327372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 Im deutschen Reich. zeugungen nie knechten lassen, und unsere vom dogmatischen Zwang freie Religion hat uns volle Denkfreiheit gewährt. Das macht uns zu sehr werthvollen Genossen aller Freunde edler bürgerlicher Freiheit und jeder deutsche christliche .Bürger wird nicht nur darin, sondern auch in dem fast allen Juden eigenen Sinn für Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Sittlichkeit. Familienleben. und gesetzliche Freiheit nachahmenswerthe Züge erkennen müssen. In einer kürzlich abgehalteuen Vorstandssitzung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus haben hochachtbare christliche Theologen 'die judenfeindliche Bewegung rückhaltslos als „unchristlich" bezeichner. Uns steht darüber kein Urtheil zu, was christlich ist und was nicht; das aber fühlen und sprechen wir als deutsche Staatsbürger offen aus: die antisemitische Bewegung ist undeutsch, eine erbärmliche Nachäffung des französischen Chauvinismus, eine unter dem trügerischen Deckmantel nationaler Gesinnung betriebene Aufstachelung der schlechtesten Instinkte der Massen zu selbstsüchtigen Z recken. Dagegen anzukämpfen ist Pflicht jedes Patrioten; wir als Juden haben aber auch, weil sich die Schärfe der antisemitischen Agitation doch zunächst gegen uns richtet, die Pflicht für uns selbst einzustehen, zwar dankbar jede ehrliche Bundesgenossen ichaft anzuerkennen, nicht aber als feige Clienten und Schutzjuden hinter der Front zu bleiben, sondern die eigene Haut zu Markte zu tragen und selbst in die Bresche zu treten zur Vertheidlgung unserer heiligsten Güter. Im Kampfe werden wir unser Reäck finden: daß wir nicht nur Abkömmlinge der Makkabäer sind, sondern auf deutschem Boden geboren und erzogen, uns auch deutjaen Streitmuth angeelgnet haben — das sollen unsere Gegner an unfern wuchtigen, derben, deutschen Worten und Streichen erkennen! — A. L. --2H 'Korrespondenzen. + Berlin, 15. Februar. Die Erklärungen des preußischen Justizministers über die Anstellung jüdischer Bewerber im Staatsdienst haben eine lebhafte Protestbewegung hervorgerufen und u. a. die Vorstände der Synagogen-Gemeinden zu Eingaben an den Reichskanzler Grafen Bülow veranlaßt. In der Eingabe der Berliner jüdischen Gemeinde heißt es: „Aus den Worten des preußischen Herrn Justizministers geht unzweideutig hervor, daß unsere Glaubensgenossen in Preußen die staats-