Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg von ihrem Entstehen bis zur Einweihung ihrer Synagoge [Rezension]
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 668 (sequence 2)
- Language
- German
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668 3m deutschen Reich. Baron und Gutsbesitzer auf seinen vier Pfählen, wie die oft widerhallende Klage lautete, eine Anzahl von Juden seßhaft werden ließ. Die in Folge davon wie ein Stillleben entstandenen Kleingebilde sind neuerdings im Aussterben begriffen. Denn die israelitische Landbevölkerung folgt am meisten, schon in Rücksicht auf die beffere Erziehung und Ausbildung der Kinder, dem modernen Zuge nach der Großstadt und trägt dazu bei, die großen Gemeinden noch größer zu machen. Das Entstehen der Großgemeinde Nürnberg aber ist insofern ganz eigenartig, als sie nicht gewachsen ist wie der Baum aus seiner eigenen Wurzel heraus, sondern etwa wie die amerikanischen Großstädte durch Verpflanzung von außen auf einen Boden, wo es lange Zeit eine jüdische Ansiedelung nicht gegeben hatte. Einst allerdings hatte auch die Stadt der alten Kirchen und Thürme, wo Hans Sachs seine Meistersänge dichtete, ein blühendes jüdisches Gemeinwesen, das aber durch einen Federstrich des Kaisers Maximilian's I. vernichtet und entwurzelt wurde. Am 10. März 1499 verließ unter Jammern und Klagen eine Schaar von vertriebenen Israeliten mit Weibern und Kindern die ihnen trotz erlittener Drangsale liebgewordenen Stätten, von denen sie auf „ewig" verbannt bleiben sollten. Diese Ewigkeit dauerte genau 3^ Jahrhunderte. Länger als anderswo im deutschen Vaterlands hielt die freie Reichsstadt ihre Mauern verschloffen vor den Bekennern der mosaischen Lehre. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als anderswo bereits der helle Tag angebrochen war, wurde in Nürnberg sogar zum Zwecke des Handelsbetriebes nur einzelnen Auserwählten durch besondere „Licenzscheine" der vorübergehende Aufenthalt gewährt. Als im Jahre 1834 einem armen Mädchen aus Fürth zur Erlernung weiblicher Handarbeiten die polizeiliche Aufenthaltserlaubniß gewährt wurde, verwahrte sich der damalige Bürgermeister dagegen, „weil dadurch ein Beispiel gegeben, und es überhaupt nicht nöthig sei, irgend einem Juden den temporären Aufenthalt von mehreren Monaten in der Stadt zu gestatten". Einen ähnlichen Standpunkt nahm auch die Regierung ein, die zum Schutze der Agrarier von anno 1845 anordnete, „daß überhaupt die Ertheilung von Licenzen zum Hopfenhandel an Israeliten nicht ferner stattfinden solle". Diese merkwürdige Handelspolitik der Negierung konnte es gleichwohl nicht verhindern, daß Nürnberg gerade durch die Thätigkeit der Israeliten, wie für andere Artikel, so auch für den Hopfenhandel, der Weltmarkt geworden ist. Unsere Judenfreunde wird es gewiß lebhaft intereffieren, zu erfahren, daß der erste Jude, dem in Nürnberg 1839die dauerndeNiederlaffung gestattet wurde, ein Postkondukteur Jos. Wassermann war, ein Veteran des Soldaten-