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Im deutschen Reich · 1900-12-01 · Heft 12 (Dezember 1900) · p. 656

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 12 (Dezember 1900)
Article
[Ohne Titel]
Date
1900-12-01
Page
656 (sequence 2)
Language
German
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656 Im deutschen Reich. Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die Emanzipation, am Schluffe desselben Jahrhunderts durch eine judenfeindliche Strömung gefährdet wurde, trotzdem das Judenthum zuerst die Einheit des Menschengeschlechtes und die Achtung des göttlichen Urbildes in jedem einzelnen Menschen gelehrt habe. In Liefergreifenden Zügen zeichnete der Vortragende sodann die das Judenthum betreffenden Vorgänge in dem ersten Jahre des neuen Jahrhunderts. Er zeigte, wie der Geist des Judenhasses sich in Frankreich bei der Dreyfus-Affaire, in Oesterreich bei der Verurtheilung des dem Judenthum völlig entfremdeten verkommenen Subjekts Hülsner offenbart habe, wie derselbe Geist über die Glaubensgenossen in Rußland und in Rumänien entsetzliches Elend brachte und gleichzeitig in allen diesen Ländern Unheil und Verwirrung erzeugte. Angesichts dieser Erfahrungen sei Deutschland gegenüber der Zuruf „vlserte moniti!“ wohl berechtigt gewesen; trotzdem habe das traurige Ereigniß in Könitz den Anschein erweckt, daß es auch in Deutschland dem Antisemitismus gelungen sei, das Judenthum auf die Anklagebank zu bringen, und daß dasielbe nicht den ihm gebührenden Schutz gegen fanatische Frevler finde, sondern vogelfrei sei. Schon die Zumuthung, das Judenthum und die Juden gegen den entehrenden Verdacht einer Mordthat von Neligionswegen vertheidigen zu sollen, enthalte eine Beschimpfung, die wir mit Entrüstung von uns weisen müsien. Daß ein solcher Verdacht von zahllosen Gebildeten in mehr oder minder abgeschwächter Fassung zum Ausdruck gebracht werde, bedeute einen für die deutsche Kultur verhängnisvollen Rückfall in mittelalterliche Verhältnisse. Es sei traurig, daß die jüdische Religion nicht denselben Schutz erfahre wie andere religiöse Bekenntnisie, daß Aufreizungen zu Gewaltthätigkeiten, wenn diese Aufforderungen sich gegen Juden richten, in vielen Fällen straflos bleiben, daß unser verfassungsmäßiges Recht nur auf dem Papier zu stehen scheine, doch der Nachtheil, der aus solchen Verhältnissen dem gesammten deutschen Volke entstehe, sei doch noch weit größer. So flange nicht Recht Recht bleibe, könne unmöglich in Deutschland der Frieden blühen. Die entsetzlichen Ausbrüche des Fremdenhasies in China hätten alle Kulturvölker mit leidenschaftlicher Entrüstung erfüllt, die Unduldsamkeit aber, welche über Mitbürger und Brüder, die man mit Unrecht als Fremde betrachte, in denselben Kulturstaaten kaum minder entsetzliches Elend bringe, erwecke leider in Europa kein gleiches Mitgefühl. Hier sei das Mahnwort Kaiser Wilhelm's II. am Platze: „Völker Europas wahret Eure heiligsten Güter" — wahret Liebe und Duldsamkeit, wahret Recht und G e r e ch t i g -

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