Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- Berlin
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316675-2326892--07494-2326998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
646 3m deutschen Reich. Wiesen und Ackerland zur Errichtung einer „Israelitischen Fürsorge-Erziehungsanstalt" geschenkt hat. Kommenden Mai wird die Anstalt zur Aufnahme von Zöglingen bereit sein. Die „Allgem. Ztg. des Judentums" bezeichnete die Mitteilung, daß bei der jüdischen Gemeinde neuerdings mehr als 50 Unterst ützungsgesuche von nothleidenden Aerzten eingegangen seien, als unbegründet. Nach den bei der Armendirektion der jüdischen Gemeinde eingezogenen Erkundigungen sei sie zu der Erklärung ermächtigt, daß jene Nachricht aus der Luft gegriffen sei. Aus privaten Stiftungen seien in der letzten Zeit nur zwei Aerzten die Mittel zur Etablierung gewährt worden. Polizeilich aufgelöst wurde am 10. November eine in den Konkordiasälen in der Andreasstraße in Berlin tagende antisemitische Volksversammlung, in welcher Graf P ü ck l e r über die Judenfrage und das deutsche Volk berichtete. Nach einem Bericht des „Berliner Tageblattes" begann Graf Pückler mit der Erklärung, daß er in der Zwischenzeit die Provinz bereist und verschiedentlich den Leuten empfohlen habe, „nur tüchtig auf die Judenbengel loszudreschen". Er habe gehofft, daß in Berlin in seiner Abwesenheit sich mal 20 oder 30 junge deutsche Männer zusammengefunden, eine ordentliche Razzia .auf die Judenbengels gemacht und sie tüchtig verwamst hätten. Bei diesen Worten erhob sich der überwachende Polizeileutnant und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Es kam daraufhin zu tumultuarischen, .lärmenden Auftritten. Ein Theil der Anwesenden gab seiner Genugthuung über die erfolgte Auslösung durch lebhaftes Bravorufen und Händeklatschen Ausdruck, während die Antisemiten „Hoch Pückler!" riefen. Es bedurfte einer dreimaligen Aufforderung des Polizeileutnants und des Erscheinens einer größeren Anzahl uniformierter Schutzleute, bis es gelang, den Saal zu räumen. Am Eingänge kam es zu erneuten Lärmscenen. Mehrere Versammlungsbesucher verlangten an der Kaffe ihr Eintrittsgeld von 20 Pfennig wieder, was mit dem Rufe „Juden raus!" rc. beantwortet wurde. Nur dem Eingreifen der Polizeibeamten war es zu danken, daß es zu keiner allgemeinen Schlägerei kam. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis die Ansammlungen der erregten Menge vor dem Lokale zerstreut wurden. Das „Berl. Tagebl." knüpft an diesen Bericht die Bemerkung: „Glaubt nun das Berliner Landgericht, welches den Grafen Pückler von der Anklage der Verhetzung freigesprochen hat, noch imryer, daß der „Dreschgraf" sich nur „bildlich ausdrücke", und daß er nicht ernst zu nehmen sei?"