Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 644 (sequence 12)
- Language
- German
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644 Im deutschen Reich. einsichtsvollen Männern, welche diese Ueberzeugung hegen. Als siebzig Offiziere in Fontainebleau den jüdischen Hauptmann Coblentz nicht an ihrer gemeinsamen Mittagstafel dulden wollten und selbst den seine Zulasiung anordnenden Befehl des Kriegsministers zu umgehen suchten, forderte Coblentz d^v Taselvorsitzenden, Hauptmann Gilbot, der in dem Säbelduell einen tüchtigen Denkzettel erhielt. Außerdem hat Gilbot eine dreißigtägige Festungshaft und den Wink erhalten, daß ihm noch härtere Strafe bevorsteht, wenn er sich nicht ruhig den Befehlen des Ministers fügt. Daß am Ausgange des 19. Jahrhunderts die Rumänen ihren Anspruch, zu den Kulturvölkern gerechnet zu werden, durch namenlose Bedrückungen der dortigen jüdischen Bevölkerung nahezu verwirkten, ist in die Tafeln der Weltgeschichte mit unauslöschlicher Schrift eingegraben. Tausende entschlossen sich in Folge jener Bedrängnisse dazu, ein so ungastliches Land zu verlassen und jenseits des Weltmeeres eine neue Heimath zu suchen. Der jetzt von der „Israelitischen Allianz" in Wien veröffentlichte Bericht über die bisherige Hilfsaktion für die rumänischen Juden schildert das Elend der armen Auswanderer in tiefergreifender Weise. Wie in dem Bericht mitgetheilt wird, war die Auswanderung zu planlos und überhastet begonnen worden. Es war nicht möglich, den nach Tausenden zählenden Auswanderer-Familien die Ueberfahrt nach Amerika zu verschaffen, da die nicht Arbeitsfähigen in den amerikanischen Häfen zurückgewiesen wurden. Die in Wien ankommenden Auswanderer- Partien mußten daher von Vertretern der Israelitischen Allianz gesichtet werden. Nur die Arbeitsfähigen konnten mit den Mitteln zur Ueberfahrt ausgestattet werden. Aber trotz aller Abmachungen trafen immer neue Schaaren von Auswanderern in Wien ein, und es sammelten sich im Juli binnen einigen Wochen ungefähr 2000 Emigranten in Wien an. Es fruchtete nichts, daß man ihnen die Aussichtslosigkeit dieser regellosen, überstürzten Flucht auS der Heimath vorhielt. Mit größter Mühe gelang es, für die vielen Hunderte in Wien eine provisorische Unterkunft zu finden. Glücklicherweise hatte sich jedoch inzwischen das Regime in Rumänien geändert, und es wurde von der Regierung die früher verbotene Rückkehr der Emigranten gestattet. Ein Theil der in Wien weilenden Auswanderer konnte daher wieder nach Rumänien zurückgebracht werden. Es wurden ihnen Mittel gegeben, um ihre Neuansiedlung dort zu ermöglichen. Bis zum 15. November d. I. sind ungefähr 4000 Personen weiterbefordert worden. Repatriiert wurden 891 Personen, darunter 1S3 Emigranten, die von ihren Auswanderungszielen