Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 582 (sequence 1)
- Language
- German
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682 Vorliebe stellen die Antisemiten große und edle Männer als ihre Parteigenossen hin, um ihren schlechten Bestrebungen einen täuschenden Glanz zu verleihen. Diesem Schicksal ist auch der weise „Schlachtendenker" nicht entgangen, dessen hundertjähriger Geburtstag kürzlich von der antisemitischen Presse dadurch entweiht wurde, daß sie das Märchen auffrischten, Graf Helmuth von Moltke sei einer der Ihrigen gewesen. Wie wenig dazu Anlaß geboten war, beweist die Thatsache, daß Moltke 1890 im Herrenhause gegen jenen Antrag Pfeil stimmte, welcher die Beseitigung von Uebelständen anstrebte, die angeblich aus dem gemeinschaftlichen Unterricht christlicher und jüdischer Schüler entstehen sollten. Noch deutlicher tritt die antiantisemitische Gesinnung des trefflichen Mannes in den „Trostgedanken" hervor, welche im ersten Bande seiner gesammelten Schriften abgedruckt sind und zahlreiche Kundgebungen edler Duldsamkeit enthalten. Er sagt darin: „Der Kern aller Religionen ist die Moral! Ueber- Haupt'sollte nicht jedes fromme Gebet, möge es an Buddha, an Allah oder Jehova gerichtet sein, an denselben Gott gelangen? Hört doch die Mutter die Stimme des Kindes, in welcher Sprache es auch ihren Namen lallt. Aber auch ein sicherer Nathgeber ist uns beigeordnet. Das Gewissen ist der unbestechliche und unfehlbare Richter, welcher sein Urtheil. in jedem Augenblicke spricht, wo wir ihn hören wollen; es predigt die Moral in der Brust von Christen und Juden, von Heiden und Wilden." Am 30. November 1890 drückte Graf Moltke in einem Schreiben an den Rabbiner der Coblenzer Syriagogen-Gemeinde seine aufrichtige Freude darüber aus, daß in dieser jüdischen Gemeinde „die Erinnerung an jene große Zeit lebendig geblieben ist, in der alle Unterschiede der Konfession und Landesangehörigkeit zurücktraten vordemBewußtsein der Zugehörigkeit zumgroßen deutschenBaterlande." Um einen ihrem wüsten Treiben so fernstehenden großen Denker zu ihrem Parteigenoffen zu stempeln, haben die Antisemiten eine kleine Schrift über Polen ausgegraben, welche Moltke als junger Leutnant im Jahre 1832 unter Benutzung polnischer Quellen schrieb, weil in dieser kleinen Schrift über die polnischen Juden recht ungünstige Urtheile gefällt worden sind. Dem reifen Manne leuchtete