Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 558 (sequence 2)
- Language
- German
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558 3m deutschen Reich. wenigstens in Bezug auf die Judenfrage nicht bloß der Intellekt, sondern auch schon der Charakter Schaden gelitten hat. Herr Benedictus Levita schildert die „Ungerechtigkeiten" der Verwaltung und die „Vorurtheile" der Gesellschaft und kennzeichnet die gegenwärtige Sachlage dahin, daß der Jude, um die volle Gleichberechtigung zu erlangen, sich erst durch die Taufe als „charakterloser Lump" erwiesen haben muß. Trotzdem steht er selbst so stark unter dem Eindrücke dieser „Ungerechtigkeiten" und „Vorurtheile", daß er, anstatt gegen sie anzukämpfen, das Kunststück fertig bringt, sie für ein Stück des deutsch-nationalen Lebens zu erklären und zu entschuldigen. Weil der Deutsche, wie Benedictus Levita meint, ohne Sonntag, Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest nicht gedacht werden kann, ist er berechtigt, jeden, der diese Tage nicht feiert, also auch den Juden, als außerhalb des Deutschthums stehend zu bezeichnen. Aber diese Tage und Feste werden ja auch von anderen Nationen gefeiert; sie können daher nicht zum Wesen des Deutschthums gehören. In der Thal, wir Juden sind und fühlen uns als Deutsche, wenn wir auch andere religiöse Feste feiern. Es wäre schlimm, wenn die glücklich überwundene Glaubenseinheit wiedemm zur Grundlage des Staatsnnd Volkslebens gemacht werdm sollte; die grausamsten religiösen Verfolgungen wären damit gerechtfertigt und würden sofort wieder aufleben. Nein, die Verschiedenheit der Religion kann kein trennendes Moment bilden zwischen deneinzelnen Gruppen des deutschen Volkes. Herrn Benedictus Levita freilich gilt die jüdische Religion "dennoch für ein Trennendes. Zunächst, weil das „thörichte, gesellschaftliche Vorurtheil" sie dafür hält, sodann aber auch, weil der Vergleich, den er zwischen Judenthum und Christenthum anstellt, zu Gunsten des letzteren ausschlägt. Zwar in Bezug auf die Dogmatik verdiene das Judenthum den Vorzug, nicht aber in Bezug auf die religiösen Erinnerungen, welche seine Feste feiern, und nicht auch im Hinblick auf das s ittli ch e Id ea l. Die religiösen Erinnerungen der jüdischen Feste seien durchweg national, sagt Benedictus Levita. Aber das ist nicht wahr, so sagen wir. Denn nicht darauf kommt es an, was die jüdischen Feste einst waren, sondem darauf, was sie in ihrer geschichtlichen Entwickelung geworden find, und was sie uns heute bedeuten.