Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit [Rezension]
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 489 (sequence 1)
- Language
- German
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489 Kiicherscharr. Das Vlut im Glauben und Aberglauben der Menschheit. Von H. L. Strack. 8. Auflage (Neubearbeitung der Schrift „Der Blutaberglaube"). München 1900. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung (Oskar Beck). Dem Mittelalter und seiner Leichtgläubigkeit darf es einigermaßen nachgesehen werden, wenn es diese. Frage überhaupt aufworfen. Es durste zudem für sich die Entschuldigung geltend machen, daß es bei der damaligen Abgeschlosienheit der Juden von der Außenwelt das Judenthum und seine Bräuche wenig oder garnicht kannte. Auch hat es nicht verabsäumt, auf dieselbe gleich nach ihrem Auftauchen die gebührende Antwort zu ertheilen. Schon 1236 ließ es Kaiser Friedrich II. sich angelegen sein, diese Frage, — über die er übrigens selbst niemals in Zweifel war — einer eigens berufenen wissenschaftlichen Kommission zur eingehenden Untersuchung vorzulegen und die verneinende Antwort dann allgemein bekannt zugeben, damit „es alle jetzt und künftig Lebenden wissen" sollten. Nicht minder hat auch die Kirche in feierlichster Form, durch päpstlichste Bullen wiederholt über die Blutbeschuldigung gegen die Juden ihr Verdikt gesprochen. Ja selbst ein Judenfeind wie der bekannte Convertit Pfefferkorn konnte nicht umhin, „in dieser Angelegenheit die Juden zu vertheidigen", seine christlichen Brüder mit eindringlichen Worten vor der Blutbeschuldigung gegen die Juden zu warnen und ihnen die Mahnung zuzurufen: „Fliehet und vermeidet also diese lächerliche, falsche und, wenn ihr es recht betrachten wollt, uns Christen nicht wenig zurDerachtunggereichende Rede. Bleibt bei der Wahrheit, indem ihr solchen Wahn fallen laßt, o Christen! W ir wollen nicht etwas erdichten, was falsch ist und uns keine Ehre macht!" Und das geschah im Jahre 1507, also nahezu vor vierhundert Jahren! In welchem Lichte aber muß alsdann unsere Gegenwart erscheinen, wenn es dem modernen Judenhaß gelungen ist, diese längst mit dem Kainszeichen der Lüge gebrandmarkte und obendrein mit dem Fluche der Lächerlichkeit behaftete Beschuldigung gegen die Juden aus dem Schutt und Moder verschollener Jahrhunderte wieder auszugraben und von neuem auf den öffentlichen Markt zu bringen? Als der Prozeß Tisza-Eszlar die gebildete Welt in Aufregung versetzte, da