Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- Konitz
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 474 (sequence 5)
- Language
- German
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474 Im deutschen Reich. des Königs hat der Gerichtshof dahin erkannt, daß der Angeklagte freizusprechen ist und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse aufzuerlegen sind. Der Gerichtshof hat außerdem beschlossen: den Haftbefehl gegen den Angeklagten aufzuheben und denselben sofort in Freiheit zu setzen. Der Gerichtshof hat es nicht fürfest ge stellt erachtet, ob der Tod des Gymnasiasten Winter durch Verblutung oder Erstickung erfolgt i st. Durch die Beweisaufnahme ist auch nicht nachgewiesen, wie lange der Kopf schon an der Fundstelle gelegen hat und ebensowenig, ob der Schnitt am Halse ein Schachts ch n i t t war. Die Redensarten des Angeklagten und sein Verhalten reichen ebensowenig wie die Bekundung des Botenmeisters Fiedler aus, um die Schuld des Angeklagten zu begründen, da nicht nachgewiesen ist, was der Angeklagte in dem Sacke getragen hat. Der Gerichtshof hat daher wie geschehen erkannt. -f* Neustettin, 1. September. Der hiesige Pastor Klamroth, auf den sich die Antisemiten bekanntlich bei einer verleumderischen Notiz über den Neustettiner Synagogenbrand-Prozeß berufen haben, ist gestorben. Ui Posen, 16. September. Gestern feierte hier Rabbiner Dr. Landsberg seinen 70. Geburtstag. Am frühen Morgen wurden dem Jubilar zwei prachtvolle Blumenarrangements überreicht von dem Lehrerkollegium und den jüdischen Schülern des hiesigen Berger-Gymnasiums, an welchem er eine lange Reihe von Jahren als Religionslehrer wirkte. Sodann trafen kostbare Armleuchter als Festgeschenk des „HumanitätSvereins" ein, desien Seelsorger Herr Dr. Landsberg seit 46 Jahren ist. Um halbzehn Uhr fand in der geschmückten Synagoge des Vereins ein Festgottesdienst statt, bei dem Herr Gemeinderabbiner Dr. Feilchenfeld die Festpredigt hielt. Qj Meseritz, Reg.-Bez. Posen, 2. September. Vor der hiesigen Strafkammer hatten sich unlängst die Schifferfrau Kaleske, das Dienstmädchen Emma Bock, sowie die Frauen Marie Boese, Agnes Kuchta und Juliane Schulz zu verantworten, die das Gerücht aufgebracht haben sollten, daß der jüdische Kantor Falkenstein in Birnbaum seinem Dienstmädchen Blut aus einem Finger entzogen habe, um eS zu rituellen Zwecken zu verwenden. Die Boese und Kuchta wurden freigesprochen, die andern zu Geldstrafen von 1 bis 6 Mark veru^theilt. — Aus Betsche hat sich der jüdische Soldat Stuckart als Freiwilliger nach China gemeldet und ist als solcher angenommen worden.