Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 452 (sequence 7)
- Language
- German
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452 Im deutschen Reich. dürfen sie nicht Advokaten, Apotheker oder Schankwirthe sein. Ebenso sind die Juden von allen Unternehmungen ausgeschlossen, bei denen der Staat mitzureden hat, z. B. bei der Tabakmanufaktur (wo früher jüdische Arbeiterinnen beschäftigt waren) und bei den subventionierten Industrien. Noch empörender ist die Art unt> Weise, wie die Gesetze und Verordnungen zur Ausführung gelangen. Die Willkür und Unwisienheit des rumänischen Beamtenthums öffnen den gröblichsten Ausschreitungen und Bestechungen Thür und Thor. Die Koalitions- und Versammlungsfreiheit, die Freiheit des Wortes und der Presse, welche die Verfassung proklamiert, ste ist für uns Juden nur ein leeres Wort. Denn kraft des „Ausweisungsgesetzes" kann binnen 24 Stunden jeder mißliebige „Ausländes über die Grenze befördert werden. (Thatsächlich ist ein Fall vorgekommen, wo Juden in der Donau ertrunken sind, weil man ihnen das Betreten der einen Ufers verboten und sie in den Fluß zurückgestoßen hatte. . . .) So beeinträchtigt -die widerrechtliche Stellung in Rumänien nicht nur die Interessen der jüdischen Bourgeoisie, sondern bedrückt auch schwer das jüdische Proletariat und vereitelt die genossenschaftliche kulturelle . und politische Ausbildung der jüdischen Arbeiter. Die jüdischen Arbeiter müssen daher „die Erringung der Bürgerrechte" auf ihre Fahne schreiben/'10) (Folgen die Unterschriften der sozialistischen Gruppen „Lumina.“ Die christlichen Rumänen beklagen sich darüber, daß die Juden ihnen Konkurrenz machen. Auf diesen Vorwurf hat der Minister des öffentlichen Unterrichts Carp in der rumänischen Kammer am 29. Juni 1875 eine treffende Antwort gegeben. „Lassen sie mich Ihnen nur eine Begebenheit erzählen, die sich kürzlich in der Gesellschaft der Jassyer Jugend abgespielt hat. Eines Abends hatten wir bis 3 Uhr Morgens über die Judenfrage diskutiert, ohne uns gegenseitig überzeugen zu können, wie es ja immer geschieht, wenn die Leidenschaft mit im Spiele ist. Beim Nachhausegehen bemerken wir dicht am Ausgang einen armen Juden, der noch um 3 Uhr Nachts bei der Arbeit war (ein wahres Rembrandtsches Gemälde), während von nebenan aus einer Kneipe drei rumänische Arbeiter herauskamen, vollkommen betrunken. ’) L’ünivers IsraClite, Nr. 46, 7. August 1896, @. 600—603.