Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 451 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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(Ein verkanntes Proletariat. 451 Freiheits- und Ehrgefühl schwer zu leiden. Auswandern können sie nicht; dazu fehlen ihnen die nöthigen Mittel, und so müssen sie denn ruhig im Lande bleiben, in der steten Erwartung, daß doch einmal die feierlichen Vertreibungen des Berliner Kongresses voll und ganz zur Ausführung gelangen. Die jüdischen Proletarier sehen ihre einzige Rettung im Sozialismus. Ihm haben sie sich denn auch in Mengen angeschlossen, was sie in den Augm der Negierung freilich nur noch verhaßter macht. Die Partei-Organisation datiert vom Jahre 1895. Ihre Anhänger rekrutieren sich hauptsächlich aus den Arbeitern in Jassy und in der Moldau. Die Parteiorgane sind „Le Reveil“, der allwöchentlich im Jargon erscheint, und die Halbmonatsschrift „Lumina“. Zum letzten Londoner Sozialistenkongreß haben die jüdischen Arbeiter eine Petition gesandt, von der ich einige Stellen hier wiedergeben möchte. Sie sind der Nothschrei der Kreatur, die Stimme des Elends und Leidens, und selbst die Auswüchse der Sprache bildm gleichsam eine Anklage gegen die, die sie verschuldet. Die Petenten geben in dem Schreiben zunächst ihrem Bedauern darüber Ausdruck, daß ihre Mittel ihnen die Entsendung von Delegierten nicht ermöglichten, und fahren dann fort: „Dabei handelt es sich nicht etwa um Fremde, die kommen und gehen, sondern um einen Theil des Volkes, der schon seit Jahrhunderten in Rumänien ansässig zu einem unentbehrlichen Besiandtheil der Gesellschaft geworden ist. Und dennoch ist die Stellung dieser 250 000 Menschen gerade so unsicher wie die einer Horde Vagabunden. In ganz Europa sindet man keine Volksschicht, die so schlecht behandelt wird, wie die Juden in Rumänien. Hier in dem „Belgien des Orients" ist der Jude allen Pflichten und" Lasten der Bürger unterworfen, ohne dafür auch nur e i n Bürgerrecht zu genießen. DerverwerflichsteMßbrauchwird mit der rechtlichen Bezeichnung „strain“ (Fremder) getrieben. Handelt es sich um Steuern, Militärdienst oder Krieg, dann sind die Juden durchaus keine Fremden, handelt es sich aber um Schule, Niederlassungsfreiheit, Aufnahme in die Hospitäler, Beförderung im Heer oder um die Besetzung von städtischen und Regierungsämtem — wäre es auch nur die Stellung eines Straßenfegers — kurz, handelt es sich um Rechte, dann werden die Juden zu den Fremden gerechnet, trotzdem sie voll und ganz Rumänen sind. Auf dem Lande-