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Im deutschen Reich · 1900-10-01 · Heft 10 (Oktober 1900) · p. 519

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 10 (Oktober 1900)
Article
Karl Blind
Date
1900-10-01
Page
519 (sequence 4)
Language
German
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Karl Blind. 619 leben, identifizieren. Aus diesem Grunde bin ich ein Gegner des Zionismus. Für englische, deutsche und amerikanische Juden hat diese Bewegung keinen Sinn. Ich kann recht gut den Wunsch verstehen, für die schändlich verfolgten Israeliten Rußlands, Rumäniens und Galiziens eine Heimath zu finden, aber die Juden, die in freien Ländern leben, sollten vollständig Bürger dieser Länder werden. Das gerade ist ja der Hauptvorwurf der Antisemiten, daß die Juden verschieden und abgesondert bleiben wollen. Ich erinnere mich, daß ich einst mit einem Bauer, der eine stark ausgesprochene Neigung zum Antisemitismus hatte, disputierte. Er erwiderte mir jedoch, daß, wenn er einen Juden bitte, sich mit ihm zu Tische zu setzen, der Jude unfehlbar sich weigere. Vis zu einem gewifien Punkte hatte der Bauer recht. Die Juden niözcn wohl ihre Religion beobachten, aber was alles andere betrifft, damit sollten sie mit dem Volke, unter dem sie leben, eins sein." Dies war der Schluß des eigentlichen Gesprächs. Karl Blind erinnerte mich dann an die Zeiten, in denen er, ein Protestant von Geburt, aber philosophischer Freidenker seinen Ansichten nach, in Gesellschaft Johann Jacoby's, Auerbach's und Simson's (des ehemaligen Präsidenten des deutschen Reichstags) und anderer Juden für die politische Freiheit des Volkes gekämpft hat. Nachdem ich etwa eine Stunde seinen Erinnerungen zugehört, sagte ich ihm Lebewohl'). *) Den Argumenten Karl Blind s können wir allerdings nur bis zu einem gewissen Punkte zustimmcn. Gehen wir darüber hinaus, so müssen wir darauf gefaßt sein, daß der orthodoxe Jude uns mit den Worten erwidern würde, die Racine in seiner »Athalie" den jungen Prinzen Joas an die Königin Athalie richten läßt: Quel p6re je quitteraia et pour quelle wäre! (Athalie, Acte II, Scene VII). Anmerkung des llebersetzers.

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