Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- Karl Blind
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 518 (sequence 3)
- Language
- German
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518 Im deutschen Reich. Sein Empfang war die Güte selbst» Im „Tempel des Friedens", fern von der tollen wogenden Menge und die zwitschernden Vögel hörend, die sich ihrer Freiheit freuen, horchte ich bei Kaffee und Kuchen den Ansichten zu, die Karl Blind über Antisemitismus mir kundgab. „In früheren Zeiten," begann er, „waren religiöser Fanatismus und Bigotterie die Ursachen des Antisemitismus. Jetzt jedoch sind einige aus sozialen, politischen und ökonomischen Gründen judenfeindlich. Beiden Formen des Antisemitismus trete ich energisch entgegen. Es ist lächerlich und absurd, vom Antisemitismus zu sprechen. Es giebt keine reinen Semiten. Jeder Ethnograph, der sein Fach kennt, wird Ihnen sagen, daß cs unter den sogenannten Semiten selbst arisches Blut giebt. Die Juden vermischten sich mit Aegyptern und Persern und gingen wechselseitige Heirathen mit den Babyloniern ein. Es giebt keine rein semitische Raffe mehr." Karl Blind verdammte dann in scharfen Ausdrücken den Vorwurf der Ritualmorde, der gegen die Juden vorgebracht worden ist. „Selbst die Päpste," sagte er, „mit aller ihrer verdunkelnden Politik glaubten das Märchen nicht, und es erschienen päpstliclie Kundgebungen gegen diejenigen, von welchen die schändliche Behauptung ausging." „Ich bin überzeugt," fuhr er fort, „daß der Antisemitismus verschwinden wird, und Juden sollten Männern wie Stöcker und Ahlwardt keinen Anlaß geben, eine Agitation gegen sie einzuleiten. Es giebt gewisse Erscheinungen, welche die Juden zur Schau zu tragen vermeiden sollten. Wenn ich sage, daß Judenhetzen aufhören werden, denke ich besonders an die deutschsprechenden Völker. Was Rußland betrifft, muß erst Fortschritt nach vielen anderen Richtungen hin gemacht werden, bevor wir dasselbe hoffen können. Als „Das Freie Blatt", ein Organ für Bekämpfung des Antisemitismus, im Jahre 1895 in Wien von Herrn Ernst Victor Zenker veröffentlicht wurde, lieferte ich Beiträge für seine Spalten und that, was ich konnte, im Kampf gegen diejenigen, welche dar Volk aufforderten, die Juden zu verfolgen. Unglücklicherweise existiert das Blatt nicht mehr". Dann fuhr er fort: „Ich würde gern ein befferes Verständniß zwischen Juden und Nicht-Juden sehen. Sie sollten sich einander mehr nähern; die Juden sollten sich mit dem Volke, unter dem sie