Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- Die Juden in Italien
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 514 (sequence 9)
- Language
- German
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614 Im deutschen Reich. heute Minister der Post und Telegraphen, einen Brief, den der nunmehr Verstorbene seiner Zeit an die Krone gerichtet hatte, um sich dem Eintritt in's Ministerium zu entziehen. In diesem Briefe bemerkte Maurogonato ehrfurchtsvoll Sr. Majestät, daß der Finanzminister, um das Recht und das Interesse des Staates zu wahren, seine Hand auf Besitzungen der katholischen Kirche legen müsse. Solches Gesetz war unentbehrlich. Aber er hielt es nicht für passend und angemessen, daß cs von einem Juden vorgelegt, vertheidigt und angewandt würde. Es war ein hohes Verdienst des Königs, diesen Umstand nicht in Betracht gezogen zu haben; aber es war Pflicht des Unterthanen, sich dessen alü Richtschnur für seine eigene Handlungsweise zu erinnern. Viele Jahre später, bei Bildung des KabinetS Rudini, wurde der Professor Luzzatti zum Schatzminister ernannt. Zu gleicher Zeit wurde das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten dem Deputierten Romanin Jacur angeboten, welcher einer der reichsten israelitischen Familien, Paduas angehört und gegenwärtig, durch die letzte Ministerkrisis, zu der nicht leichten Ehrenstellung eines Unterstaatssekretärs im Ministerium des Innern emporgestiegen ist. Romanin Jacur lehnte damals rundweg ab. Es fand hierauf ein vertrauliches Gespräch zwischen ihm und dem Ministerpräsidenten, dem Marquis von Rudini, statt. Darin erklärte jener frei heraus, daß er für das Anerbieten sehr dankbar sei, aber das Portefeuille nicht annähme, weil im Kabinet schon ein Jude, Luzzatti, wäre; zwei wären zuviel. Als nun der Marquis bemerkte, er fühle sich über solche unwürdigen Vorurtheile erhaben, kam Romanin Jacur zu dem Schluffe, solche Vorurtheile wären unglücklicherweise bei anderen noch vorhanden; die Katholiken müßten sie bekämpfen, aber die Juden dürften sie nicht heraussordern. Dieses feine Zartgefühl hat die italienischen Juden bei fast allen ihren Fortschritten und der Erweiterung des öffentlichen Lebens geleitet. Dafür bot Rom ein wahrhaft charakteristisches Beispiel. Kaum war auf dem Kapitol die italienische Stadtverwaltung eingerichtet, so ward dort zum Stadtrath für die Finanzangelegenheiten Samuel Alatri gewählt. Damals wurden in der Stadtverordneten-Versammlung schwerwiegende und tief« greifende Fragen, die in die Politik und Religion mithineinspielten.