Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- Antisemitischer Thierschutz
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 505 (sequence 5)
- Language
- German
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Antisemitischer Chierschutz. 505 Kulturwelt noch in Einklang stehen und für strenggläubige Juden noch verbindliche Kraft haben, dürfte sich der Beurtheilung der Leiter des Berliner Thierschutzvereins, die unseres Wissens keine Theologen sind, vollständig entziehen. Dieselben scheinen aber auch keine Mathematiker zu sein, denn gegenüber der Masse von Gutachten zu Gunsten der rituellen Schlachtmethode sind verhältnißmäßig wenige gegenteilige Aeußerungen von Sachverständigen zu verzeichnen. Wenn man außerdem die Stimmen wägt, statt sie zu zählen, dürste das Ergebniß für die Gegner des SchächtenS noch kläglicher ausfallen. Wie geringen Rückhalt der Vorstand des Berliner Thierjchutzvereins bei seiner jetzigen Agitation besitzt, beweist, daß er dem Rundschreiben einen offenbar uralten Aufruf beifügt, der Unterschriften hochachtbarer Männer aufweist, von welchen sehr viele längst gestorben sind, während von den noch Lebenden wahrscheinlich die meisten heute kaum noch geneigt sein würden, ihre Unterschriften zu solcher Kundgebung herzugeben. Das Rundschreiben selbst stellt sich als ein antisemitisches Machwerk dar, das mit dem Thierschutz nichts zu schaffen hat und hoffentlich von allen jüdischen Empfängern mit Entrüstung zurückgewiesen wird. Jeder deutsche Jude ist davon überzeugt, daß das Schächten, weder eine Thierquälerei ist, noch gegen die Sittlichkeit verstößt; cs ist seine Sache, ob er die jüdischen Speisegesetze beachtet oder nicht. So wenig, wie der Katholik, der seinem Kultus treu bleibt, deshalb ein anderes Sittengesetz wie seine protestantischen Mitbürger hat, so wenig legt dem deutschen Juden seine Strenggläubigkeit ein anderes Sittengesetz auf als dem Christen. Unsittlich ist aber die Zumuthung, daß der freidenkende Jude den hinter einigen Thierschutzvereinlern versteckten Judenfeinden den Gefallen thun soll, eine Gesetzesänderung herbeisühren zu helfen, die für seine strenggläubigen Glaubensgenoffen einen herben Gewiffenszwang darstellt! Dagegen ist der schärfste Protest nöthig! Der Jude, welcher auf diesen Bauernfänger-Trick hereinfällt, macht sich zum »ersichtlichen Werkzeug der Judengegner! A. L.