Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Soziale Streitfragen [Rezension]
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 Im deutschen Reich. Juden haben Moses nie als Gott verehrt, und er selbst, der, auf den Höhen des Lebens stehend, alle Vortheile, die er vor seinen Glaubensgenossen voraus hatte, preisgab, um den Seinigen helfen und dienen zu können, hat nichts anderes sein wollen, als ein Gleicher unter Gleichen, der erste Diener seines Gottes und seines'Volkes. Während er nicht vergessen hatte, die Gebeine Joseph's aus Aegypten mitzunehmen, um ste daheim im Lande der Väter zu begraben, ging er selbst, als seine Todesstunde gekommen war, aus dem Lager, um allein und unbeachtet zu sterben, um dem Volke die Möglichkeit einer abgöttischen Verehrung seiner Person zu entziehen. — Was dieser Mann den Seinigen vorgelebt hat, die Liebe,-die dienende, selbstverleugnende, unerschöpfliche Liebe, das ist auch der Kern seiner Lehre. Wir, die Bekenner dieser Lehre, wissen es und erinnern uns grade am Tage der Offenbarung wieder daran, daß die thätige,' fürsorgende Nächstenliebe, die sich nicht blos auf Stammes- und Glaubensgenosten erstreckt, sondern auf alleMenschen, däsWesen der mosaischen Religion und aller mosaischen Einrichtungen ist. Aber wir wissen auch, daß die mosaische Gesetzgebung noch lange nicht genug gewürdigt, daß sie nicht blos von Uebelwollenden verleumdet, sondern auch von Unwissenden verkannt und deshalb verachtet wird. Um so erfreulicher ist es, daß in den sozialen Bestrebungen der Gegenwart auch von christlicher Seite auf die Vorbildlichst dieser ältesten Verfassung, auf die unübertroffene Vereinigung von Güte und Weisheit hingewiesen wird, die allen staatlichen und wirthschastlichen Anordnungen zu Grunde liegt. In Heft 2 des 2. Jahrganges dieser Zeitschrift (Februar 1896) S. 118 ff. ist „Die StaatLverfafsung der Juden auf Grund des Alten Testaments. Von EduardSchall (Leipzig 1896)" ausführlich besprochen worden. Gern fügt Referent heut einenHinweis auf die oben - citierte Vorlesung - des bekannten, vor etwa eineinhalb Jahren verstorbenen amerikanischen Nationalökonomen hinzu, der in kurzen Zügen treffend, wenn auch vielleicht nicht erschöpfend, die Persönlichkeit und dös Werk Moses darstellt. Verfaffer greift, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, die Agrargesetzgebung des Moses heraus und legt dar, wie liebevoll fürsorgend und staatsmännisch klug zugleich er die Verkeilung des Landes vorgenommen und die Anordnungen über Verkauf, Rückkauf und Rückfall des Grundbesitzes getroffen hat, um die Verarmung zu verhüten und die Gegensätze zwischen arm und reich nicht zu groß werden zu lasten. Ueberall in den mosaischen Gesetzen wird der Grund und Boden nicht als das 'Eigenthum des Einzelnen angesehen, sondern als Gabe des Schöpfers für alle seine Geschöpfe. Ueberall heißt es, nicht „Dein Grund-