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Im deutschen Reich · 1900-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1900) · p. 361

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-06-01
Page
361 (sequence 3)
Language
German
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DeremsnachrichLen. 361 gerietet hätten. Dieses Verfahren ist bequem und sicher, um stets Recht zu haben. Denjenigen unter uns, welchen Gelegenheit gegeben ist, mit Juden Umgang zu pflegen, ist damit nicht viel mehr geholfen. Die Unglücklichen tragen nur zu sehr das Gefühl in sich, daß sie in vollständiger Abhängigkeit von uns leben. Die Gelehrten und Aufgeklärtesten zeigen stets die größte Vorsicht. Es wird vielleicht gelingen, irgend einen Elenden zu bekehren» der sich dafür bezahlen läßt, seine Glaubensgenossen zu verleumden; man wird vielleicht mit einigen feilen Trödlern ein Gespräch anknüpsen können, die aus Schmeichelei den Nachgiebigen spielen werden; man wird über ihre Unwissenheit oder ihre Gemeinheit einen Triumph feiern, während ihre gelehrten Glaubensgenoffen im Stillen diese Thorheit belächeln werden. Läßt sich aber deshalb annehmen, daß sie an Orten, wo sie sich in Sicherheit fühlen, ihren Gegnern ebenso leichtes Spiel einräumen würden? Ich werde mir nie eine vollständige Kenntniß der Gründe der Juden zutrauen, so lange sie nicht in einem freien Staat ohne Gefahr reden und disputieren können. Dann erst sind wir zu erfahren im Stande, was sie zu sagen haben." Seit der große Freidenker, deffen geistvolle Ideen durch Pestalozzi, Basedow, Salzmann, Campe u. a. m. auch für das deutsche Erziehungswesen segensvoll verwerthet wurden, diese vorurtheilsfreien Sätze schrieb, sind viele Jahrzehnte vergangen; wir leben jetzt in einem hochentwickelten Kulturstaat, der sich mehr und mehr zu einem Rechtsstaat ausbildet, und deshalb brauchen wir nicht mehr schweigend zu dulden, wenn man unsere vom Staate mit korporativen Rechten ausgeftattete Religionsgemeinschaft beschuldigt, von Religionswegen Verbrechen zu begehen, wenn man zügellose Maffen zur Mißhandlung und Beraubung unserer Glaubensgenoffen, zur Vernichtung unserer Andachtsstätten ausreizt. Wir sind nicht mehr stumme Sklaven, nicht mehr die klaglos sich den Schergen preisgebenden Märtyrer mittelalterlichen Wahns; uns gab ein Gott zu sagen, was wir leiden! Die Deutschen jüdischen Bekenntniffes. bilden ^zwar nur den hundertsten Theil des großen deutschen Volkes, aber man sollte doch annehmen, daß 500 000 tüchtige Menschen, denen durch Gesetz und Verfaffung gleiche Rechte mit der übrigen Bevölkerung feierlich zugesagt sind, Menschen, welche ihr Vaterland lieben und so fest mit ihrer Heimath verwachsen sind, daß sie Gut und Blut für dieselbe freudig hin geben, aberauch ihr Anrecht auf dieselbe um keinen Preis opfern werden, nicht lautlos Unbilliges zu erdulden brauchen. Wer bedrängt uns denn eigentlich; wer beschimpft und

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