Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 360 (sequence 2)
- Language
- German
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360 3m deutschen Reich. unb echte Humanität niemals in Widerspruch stehen können. Würbe diese ewige Wahrheit anerkannt, dann müßte die sogenannte „Judenfrag e" längst eine befriedigende Lösung gefunden haben, denn vor mehr als einem Jahrhundert bereits sagte von derselben Abbs Grögoire: „D ie große Frage läuft am Ende darauf hinaus zu wissen, daß die I u den Menschen s i n d!" Wir sind Menschen, nicht besser, aber sicher auch nicht schlechter als unsere andersgläubigen Mitbürger; nichts Menschliches ist uns fremd und deshalb sind wir berechtigt, volle Menschenrechte zu fordern. Jahrtausende hindurch haben die Juden Unmenschliches erlitten; Niemand aber kann ihnen Nachweisen, daß sie selbst Unmenschliches begangen haben, denn die, einigen wenigen Unglücklichen durch Folterqualen abgepreßten Gcständnisie können doch unmöglich alsBeweise gelten. Seit die Schranken des Ghettos gefallen sind, haben insbesondere die deutschen Juden gezeigt, daß sie der . Freiheit werth sind und in sittlicher Beziehung hinter ihren Mitbürgern nicht zurückstehen, daß sie ihr Vaterland mit opferfreudiger Hingebung lieben und demselben durch ihre ganze Führung nützen und ihm Ehre machen. Trotzdem Lauchen nach kurzen lichtvolleren Zeiträumen immer wieder Verleumdungen auf, welche Dunkelmänner straflos und mit beklagenswertem Erfolg gegen die Bekenner des jüdischen Glaubens schleudern. Diese bedauerliche Thatsache erklärt sich, wenn man der Worte gedenkt, welche Jean Jacques Rousseau schon vor mehr als einem Jahrhundert in seinem großen Erziehungsbuch „Emile" seinen Landsleuten zuries: „Kennen Sie viele Christen, welche sich die Mühe gegeben haben, das, was das Judenthum vorbringt, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen? Wenn einigen davon etwas bekannt geworden ist, so haben sie es in den Büchern der Christen gelesen. Eine herrliche Art und Weise, sich über die Gründe der Gegner zu unterrichten! Allein was läßt sich da anfangen? Wollte irgend jemand das Wagestück unternehmen, unter uns Schriften zu veröffentlichen, in denen das Judenthum offene Begünstigung fände, so würden wir Berfaffer, Herausgeber und Buchdrucker zur Strafe ziehen. Als im sechszehnten Jahrhunderte die katholischen Theologen alle Bücher der Juden ohne Unterschied zum Feuer verurtheilt. hatten, zog sich der berühmte und gelehrte Neuchlin, den man in dieser Angelegenheit zu Rathe gezogen hatte, lediglich um seiner Ansicht willen, man könnte diejenigen dieser Bücher erhalten, welche frei von Angriffen gegen das Christenthum wären ' und nur solche Stoffe behandelten, die bie Religion nicht berührten, heftige Verfolgungen zu, die ihn beinahe zu Grunde