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Im deutschen Reich · 1900-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1900) · p. 328

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-06-01
Page
328 (sequence 4)
Language
German
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228 3m deutschen Reich. das Malheur, um ein paar Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen zu sein; seine ganze Lebensauffassung und Denkart hätte mit dem mittelalterlichen Ritterthum vortrefflich harmoniert. Zu den Absonderlichkeiten des Grafen gehören bekanntlich die Morgenritte, die er unter dem Schmettern einer Trompete beim ersten Tagesgrauen durch sein Dorf unternahm, um die Bauern aus ihrem' politischen Schlaf zu erwecken. Seine jetzige Agitationsreise soll wohl ähnlich aufgefaßt werden: als ein Morgenritt durch das Deutsche Reich. Auf die Trompete freilich muß er verzichten — sein Organ ersetzt ihm diese. Den Schluß seiner Rede bildete eine Wust von Phrasen, die kaum wiederzugeben sind. Trotzdem spendete das ziemlich zahlreiche Publikum den wie FäKfaren klingenden Kraftstellen der Rede lebhaften Beifall." Wenn auch vorsichtiger im Ausdruck, zeigt in Bezug auf Lebensauffaffung und Denkart doch der bekannte antisemitische Abgeordnete Liebe r^m ann von Sonnenberg eine seltsame Geistesverwandtschaft mit dem redseligen Grafen Pückler. Er bringt dieselbe im Reichstage dadurch zur Geltung, daß er die Konservativen durch seine antisemitischen Scherze belustigt; durch seine publizistischen Organe, die „Deutsch - Sozialen Blätter" und die „Antisemitische Korrespondenz", findet seine ebenfalls dem mittelalterlichen Ritterthum entlehnte Denkungsweise Verbreitung in der übrigen geistesarmen antisemitischen Preffe. Seine rückschrittlichen Neigungen führten ihn bei der Berathung der „lex Heinze" sogar auf die Seite seiner politischen Gegner, so daß er, obgleich selbst der Vertreter einer zur Minderheit gehörenden Partei, sich nicht scheute, einer Vergewaltigung der Geschäftsordnung das Wort zu reden, nur um die Reaktion zu fördern. Dabei reichte sein Einfluß hin, die meisten Mitglieder der antisemitischen Fraktion zur Abstimmung in seinem Sinne zu veranlaffen, damit, wie ihm von der „Deutschen Wacht" vorgeworfen wurde, die Jugend und die Gebildeten vor den Kopf zu stoßen und die Gelegenheit zudem Beweise zu verpaffen, „daß die Reformer die Partei der Zukunft sind". Den Mann, der für die Rückkehr zu mittelalterlichen Zuständen begeistert ist, kümmern aber die Angriffe derZimmermann'schen „Deutschen Wacht", so wenig, wie diejenigen der „StaatSbürger-Ztg"; er kennt feine Leute und weiß, daß die von beiden Organen bei dem Kampf um die „lex Heinze" gezeigten freisinnigere Regung sich sofort verflüchtigt, wenn sein Signal zur Judenhetze alle Antisemiten zum Sammelplatz ruft. Obgleich offiziell vyn der Parteileitung zurückgetreten, hat er den alten Einfluß bewahrt und hat es in der Hand, die Zügel jeder Zeit wieder zu ergreifen, weil er allein die rechte Fühlung mit den

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