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Im deutschen Reich · 1900-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1900) · p. 321

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1900)
Article
Kindesraub
Date
1900-06-01
Page
321 (sequence 1)
Language
German
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321 Aindesraub. Am 30. Dezember 1l SS nerschr and die noch nicht vierzehnjährige Tochter Michalina des Krakauer Kaufmannes Israel Araten, während die Eltern in der Eimozoge weilten, aus dem väterlichen Hause. Noch am selben Tag^ erstattete der besorgte Vater bei der Krakauer Polizei-Direktion die Anzeige von dem Verschwinden des Kindes. Am 31. Dezember erfuhr er, daß Michalina sich auf Zureden einer im Hause beschäftigten Frauensperson in das Kloster der Felicianerinnen begeben habe. Herr Araten verfügte sich sofort in Begleitung eines Polizeikommissärs in das Kloster und verlangte seine Tochter zu sprechen. Die Oberin, Schwester Marie Rosalia, versprach, seinen Wunsch zu erfüllen. Michalina wurde in da» Nebenzimmer gebracht und der Vater hörte das Schluchzen seines Kindes hinter der geschlossenen Thüre. Gleich darauf erschien die Oberin allein und bedeutete Herrn Araten, er möge nach 5 Tagen wiederkommen, das Kind müsse sich erst an die Umgebung gewöhnen. Zwei Tage später richtete Araten eine Eingabe an die Polizeibehörde, in welcher er unter Berufung auf § 145 des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches um die erforderliche Assistenz ansuchte, damit er sein Kind sehen und sprechen könne. Trotz der klaren Bestimmung der erwähnten Gesetzesstelle, wonach die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen, entwichene zurückzufordern und flüchtige mit obrigkeitlichem Beistände zurückzubringen, lehnte der Polizei-Direktor Korytkiewicz die angesuchte Intervention mit den Worten ab: „Was, ich werde ein Mädchen aus einem Kloster herausnehmen?" Erst nach neuerlichem Einschreiten Araten's wurde ihm der Polizeikommissär Tomaschik mitgegeben. Die Oberin verweigerte auch diesmal die Vorführung Michalina's unter dem Vorwände, daß dieselbe krank sei. Als der Polizeikommissär bemerkte, die Mutter des Kindes sei schwer krank und wünsche dasselbe vor ihrem Tode noch einmal zu sehen, erwiderte die Oberin: „Sie wird sie im Himmel Wiedersehen." Auf Verlangen des Vaters begaben sich der Gerichtsarzt Dr. Filimowski und Universitätsprofessor Zulawski in das Kloster und beide Aerzte konstatierten, daß Michalina vollkommen gesund sei.

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