Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Zweierlei Maße
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 319 (sequence 5)
- Language
- German
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Zweierlei Maße. 319 namstag verlegt werden, trotzdem die Katholiken da eine verschwindende Minorität der Bevölkerung bilden. Wenn dagegen der „Centralausschuß kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Kreise" um die Einschränkung der Weihnachtsruhe petitioniert, so müssen wir diesen Schritt im Interesse der Handelsangestellten bedauern. Aber was geht diese Geschichte das Judenthum an? Ich weiß nicht, wie viele Juden in diesem Ausschuß sitzen, aber selbst wenn die jüdischen Mitglieder hier in der Mehrzahl wären, so würde dieser Ausschuß darum noch keine Vertretung jüdischer Interessen bedeuten. Ist denn z. B. die „Große Karnevalsgesellschaft" in Köln, in der doch wohl die meisten Mitglieder und Räthe katholischen Glaubens stnd, darum ein katholischer Verein? Nein, ein katholischer Verein ist ein Verein, der auf katholischen Prinzipien basiert, der spezifisch katholische Interessen vertritt. Sollte das nicht bei Juden auch so sein? Mein Gott, das ist für jeden klardenkenden Menschen so einfach, daß man sich fast schämt, solche Dinge in unserer fortgeschrittenen Zeit zu erörtern. Und doch wird diese Absurdität frohlockend registriert, als wenn man dem Judenthum damit einen gewaltigen Hieb versetzt hätte. Diese komische Zusammenstellung ist für uns wohl ein Zeichen der Zeit, denn sie zeigt uns, wie weit die Begriffsverwirrung unter der Herrschaft des Instinkts schon gediehen ist. Wahrlich, wir haben in den letzten Jahren an Frankreich ein abschreckendes Beispiel erlebt, wohin man gelangt, wenn man die Bahn des gerechten, gerader: Denkens verläßt und sich in das Labyrinth dunkler Gefühle begiebt. Das deutsche Volk, das stets darauf stolz war, die Wege der Vernunft zu wandeln, das Volk, da» einen Kant und einen Goethe gebar, sollte sich gegen die Macht der verrohenden Leidenschaft wehren. Wenn diejenigen Elemente, deren Unwissenheit nur noch von ihrer Bosheit übertroffen wird, die Lehre des Rassenhasses als ein Evangelium begrüßen, so bedauern wir es, ohne deshalb zu verzagen. Wenn aber Männer, die mit hoher Bildung ausgerüstet sind, sich auf die Bahn der Leidenschaft drängen lassen, dann könnte man fast an der Macht der Bildung und der Aufklärung verzweifeln. Wenn wir dennoch glauben, daß das Licht der Wahrheit siegen wird, wenn wir dennoch dem Fortschritte vertrauen, so ist es, weil wir Juden die konsequentesten Optimisten in der Geschichte stets gewesen find.