Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 284 (sequence 2)
- Language
- German
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284 3m deutschen Reich. oder Sohn irgendwie die Anschauung derjenigen getheilt hätten, welche den Juden sogar zutrauen, das Blut Andersgläubiger zu vergießen. Der Redner betonte aber, daß es ihm nicht darum zu thun sei, zu erörtern, ob Wolfgang Goethe Antisemit oder Philosemit gewesen, sondern nur die Frage, wie sich derselbe zu einer Glaubensgemeinschaft gestellt, deren Geschichte er eifrig verfolgt und die in seinem Leben eine gewisse Rolle gespielt habe. Thatsächlich habe die Judenfrage für Goethe ein Problem dargestellt, mit dem er stets gerungen, ohne zu einer bestimmten Ansicht zu gelangen. In einzelnen seiner Gedichte und Abhandlungen finden sich Aeußerungen, welche den Schein erwecken, als ob er ein Gegner der Juden gewesen. Und diese Aeußerungen geben, aus dem Zusammenhänge gerissen, den jetzigen Gegnern der Juden den erwünschten Anlaß zu der irrtümlichen Behauptung, daß Goethe, wie sie, ein Antisemit gewesen sei. In Wirklichkeit war er dies nie, und der Ausdruck einer augenblicklichen Stimmung liefert - keinen Beweis. Er hat in der Jugend in Frankfurt am Main vielleicht manches von Juden gesehen, was ihm mißfallen, aber er hat mit großem Jnteresie auf Anleitung seines Vaters nicht nur Hebräisch, sondern auch Judendeutsch gelernt, und es sind noch heute von ihm kalligraphische Proben hebräischer Kursiv-Schrift vorhanden. Er beherrschte diesen Dialekt vollständig, wie sich in einer seiner Jugendarbeiten, in dem lustigen Fragment „Judenpredigt" zeigt. Auch in einem „siebensprachigen Roman", den der Knabe beabsichtigte, sollte das Judendeutsch eine Rolle spielen. Bedeutungsvoller ist der Einfluß, den seine eifrige Beschäftigung mit der Bibel auf seine sittliche Bildung und auf seine Ausdrucksweise hatte. Anklänge seiner Uebersetzung des „Hohen Liedes" finden sich im Liede Gretchens im „Faust" wieder, und in seinem Briefwechsel beweisen zahlreiche Gleichnisse und Sprüche eine seltene Vertrautheit mit der Bibel, die er selbst „das Buch der Bücher" genannt hat. Die Glaubensgemeinschaft, die dieses Buch durch alle Zeiten gerettet hat, konnte ihm deshalb nicht gleichgiltig bleiben. Die Begegnungen, die er mit einzelnen Juden in Frankfurt am Main frühzeitig gehabt, scheinen freilich nach den Erzählungen in „Dichtung und Wahrheit" nicht sonderlich erfreulich gewesen zu sein. Er dürfte auch in Weimar wenig Gelegenheit gehabt haben, mit Juden zu verkehren. Die in einem Briefe an seinen Oheim Textor enthaltene warme Empfehlung eines Juden, ferner die bereitwillige Abänderung einer der Familie Elkan unwillkommenen Stelle des Gedichts auf den Tod des TheatermeisterS Mieding und die Erwähnung des Juden Ephraim in einem Briefe an Frau von Stein beweisen aber hinreichend seine Theilnahme an dem Geschick einzelner Juden. Mit einzelnen jüdischen