Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- Konitz
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 274 (sequence 2)
- Language
- German
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74 Im deutschen Reich. gern von der Bürde des Amts befreit wäre, und lebt daselbst in den bescheidenen Verhältnissen, welche seinem Gehalte entsprechen. Wie weit muß die Verwirrung der Gemüther gediehen sein, wenn man mit der Verbreitung solcher abscheulichen Ehrabschneidereien einer guten Sache zu dienen meint!" Durch eine große Reihe von Blättern ging ferner das Gerücht, daß der in Könitz angestellte Kantor und Schächter Fuchs (nicht Lux), welcher bei dem verhafteten JSraelski gewohnt hat, entflohen sei, als seine Verhaftung bevorstand. Merkwürdigerweise wurde diese gänzlich falsche Nachricht von keiner Seite richtig gestellt. Thatsache ist, daß der p. p. Fachs erst 14 Tage nach dem Morde hier zugezogen ist. Er wurde wiederholt polizeilich vernommen und daraufhin als Ausländer ausgewiesen. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat bei der Polizei petitioniert, daß man Fuchs gestatten möge, hier zu bleiben, allein vergebens; er mußte gegen seinen Willen aus Könitz hinaus, ist also nicht geflohen, wie antisemitische Zeitungen behaupten. Ebenso verhält es sich mit dem Kantor Hermann, der nur provisorisch hier amtierte und erst dann zur Vertretung seines Vaters, der in Schwersenz amtiert, von hier abreiste, nachdem die Polizei ihm erklärt hatte, daß seiner Abreise nichts im Wege stehe. So entschwinden den antisemitischen Zeitungen die Nitualmörder, die sie mit so großer Mühe sich zusammenlügen, einer nach dem andern, und nur ein notorischer, völlig unzurechnungsfähiger Trunkenbold ist noch im Verdacht, den Kopf des ermordeten Jünglings weggeschafft zu haben. Der Gerichtsbote Fiedler, der den Jsraelski mit dem Sack gesehen haben will, ist nicht, wie von antisemitischer Seite behauptet worden, Schütze und hat auch als solcher keine Preise gewonnen. Man hat hier übrigens noch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß der ruchlose Mörder, der nicht allein die That auf dem Gewissen, sondern die Existenz vieler hundert von jüdischen Kaufleuten ruiniert hat, entdeckt werden wird. Wie die „Danziger Ztg." meldet, ist die Untersuchung wieder in neue Hände übergegangen und wird jetzt durch den Landrichter Zimmermann geführt. Auf Grund der Annahme, daß Winter in der Narkose geendet, fand am 5. d. M. bei einem hiesigen Zahnarzt eine Haussuchung statt, die jedoch zu keinem Anhalt führte und wohl auch nicht sühren konnte. Jetzt ist auch das Gutachten des Berliner Gerichtschemikers Bischof, dem der Inhalt der Mundhöhle des ermordeten Winter sowie die in der Speisehöhle Vorgefundenen Speisereste zur chemischen Untersuchung zugesandt worden waren, hier eingetroffen. Das Gutachten spricht sich dahin aus, daß Chloroform oder ein anderes Narkose herbeiführendes Mittel