Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 259 (sequence 1)
- Language
- German
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259 Umschau. ÄwSenn man die aufreizenden Artikel liest, in welchen die antisemitischcn Blätter die Blutthat in Könitz täglich für ihre Hetzzwecke auszubeuten versuchen, dann wird man unwillkürlich an die Fabel vom Wolf und Schaf erinnert. Da wird den fast wehrlosen, hartbedrangten jüdischen Bewohnern des Konitzer Kreises, die sich kaum noch aus ihren Wohnungen heraustrauen und ohne den Schutz der behördlichen Organe den schimpflichsten Mißhandlungen ausgesetzt sein würden, verleumderisch nachgesagt, „daß sie die christliche Bevölkerung in ungehöriger Weise herausfordern". Man kränkt die Juden bis auf's Blut, indem man die von noch unermittelten ruchlosen Händen verübte Frevelthat offen oder versteckt als einen jüdischen Ritualmord, also als ein von Neligionswegen verübtes Verbrechen darstellt und bezichtigt sie dann verleumderisch, die christliche Religion herabzuwürdigen. Das ist so recht die Art der antisemitischen Wölfe, die das Lamm, welches sie zu zerreißen beabsichtigen, vorher eines mörderischen Angriffs beschuldigen. Still dulden die jüdischen Bewohner von Könitz die Vernehmung aller bei ihnen dienenden Mädchen, wenn sie sich auch dadurch herab gewürdigt fühlen; die Antisemiten würden aber Feuer speien, wenn die Dienstboten der Frau Kreisschulinspektor Rohde, der Verliererin des verdächtigen Taschentuches, in ähnlicher Weise vernommen werden sollten. Im Bewußtsein ihrer Unschuld laffen die Juden alles ruhig über sich ergehen,. während wahrscheinlich die Urheber der Blutthat sich auf den Straßen unter den Hep-Hep-Rufern herumtrriben und die radaulustige Jugend veranlaffen, die Fenster der jüdischen Wohnungen einzuwerfen und frech die behördlichen Organe zu verhöhnen, welche ihr Unwesen zu verhindern suchen. Für die Mörder Winter's kann es ja gar nichts Ersprießlicheres geben, als die Erregung der Volksleidenschaft durch die systematische Aufwiegelung antisemitischer Hetzer. Diesen Dunkelmännern ist offenbar alles daran gelegen, daß der Konitzer Mord seinen geheimnißvollen Charakter behalte und sich beileibe nicht etwa als die That eines Nichtjuden enthülle. Bei der heillosen Verwirrung, welche die Judenfeinde durch ihre bluttriefenden Schriften und Marterbilder in den Gemüthern angerichtet haben, kann natürlich die Untersuchung nicht vorwärts kommen. In der Phantasie der fanatisierten Leute hat bereits Erdachtes und Er-