Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- Der Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 238 (sequence 2)
- Language
- German
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238 )m deutschen Reich. treten, um über das Schicksal der Völker zu berathen. Voll Stolz wendet sich Berr als „französischer Bürger" an die Lenker der Staaten, in denen die Juden in der alten Erniedrigung lebten. „Nicht als Glied der unterdrückten Klaffe rufe ich die Gerechtigkeit der Könige und Nationen an,-denn laut sage ich es: Die französischen Juden sind endlich in die Menschenrechte eingetreten, und viele sind schon nützliche Bürger geworden. Als französischer Bürger, als Freund der Menschheit trete ich auf, die gerechte Sache vorzutragen für die, deren Laster nur durch den erbitterten Haß ihrer Feinde entstanden sind, deren Tugenden sie aber sich selbst zu verdanken haben. — Nicht ohne inneres Grauen kann ich den Trauerschleier lüften, der die blutige Geschichte der jüdischen Nation umhüllt, nicht ohne tiefgefühlten Schmerz kann ich die Jahrbücher entfalten, worin die Ungerechtigkeiten, die sich ganze Nationen gegen die zitternden Trümmer eines unglücklichen Volkes zu Schulden kommen ließen, mit feurigen Buchstaben ausgezeichnet stehen, eines Volkes, einst stolz auf die Pracht seines Tempels, auf den erhabenen Ursprung seiner Gottesverehrung, jetzt aber der Auswurf der Erde, das Spiel des erzürnten Schicksals, das nur bedacht ist, es mit Unglück zu überhäufen, es mit Bitterkeit und Schande zu erfüllendes zum ungerechten, unseligen Gegenstand des Haffes des ganzen Menschengeschlechts zu machen. Noch einmal, in meinem Herzen mich mehr als Franzose denn als Jude fühlend, getraue ich mich kaum die Abgründe des Schreckens aufzudecken, weil ich dies nicht ohne eine Erinnerung der Schande meines eigenen Vaterlandes thun könnte, das mehr als einen unserer Verfolger aufgestellt hat." „Mit diesem erhabenen Akte," so schließt derAufruf, „mit der Befreiung der Juden von Druck und Schmach, mit ihrer vollständigen Gleichstellung in ganz Europa, wie in Frankreich und Holland, müffe. das neue Jahrhundert beginnen, dessen Andenken der Nachwelt das wunderbare Bild von zugleich großen und traurigen Ereignissm überreichen wird." So begrüßte ein französischer Jude, der das Wehen einer neuen Zeit empfunden, durchglüht von Liebe zu seinen Glaubensgenoffen, stolz auf sein Vaterland, das 19. Jahrhundert, das offiziell seinen Abschluß gefunden, an dessen Grabe wir nun stehen. Was ist aus dem Traume Michael Berr's ge«