Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 207 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau. 207 sei, ist von den berufensten christlichen Kennern dieser Literatur sowie von den obersten Autoritäten der römischkatholischen Kirche als grundlos bezeichnet worden. Insofern die Interpellanten darauf Hinweisen, daß die Blutbeschuldigungen in böswilliger Absicht zum Zwecke der Aufreizung gegen die Angehörigen eines gesetzlich anerkannten ReligionsbekenntnisieS vorgebracht werden, muß ich bemerken, daß die Negierung nicht säumen wird, diesfalls die bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen in jedem einzelnen ihr zur Kenntniß gelangenden Falle auf das Nachdrücklichste durch die hierzu berufenen Organe zur Anwendung bringen zu lassen. Wenn schließlich in der Interpellation bei: Wunsch nach besonderen Präventivmaßnahmen polizeilicher Natur ausgesprochen wird, so ist hervorzuheben, daß nach der Natur der in Betracht kommenden Delikte, welche in der Regel durch Rede oder Schrift begangen werden, im Rahmen unserer verfassungsmäßig gewährleisteten Institutionen einer Präventivthätigkeit der Polizeibehörde in diesem Belange ganz bestimmte gesetzliche Grenzen gezogen sind". Tabei steigert sich der Uebermuth der antisemitischen Führer in Oesterreich von Tag zu Tag und ihre in den Parlamenten und in dem Wiener Gemeinderath straflos gehaltenen und von der Antisemitenpreffe weiter verbreiteten Hetzreden erhitzen die Gemüther der Volksmafsen in den Provinzen derart, daß Ausschreitungen gegen die Juden die natürlichsten Folgen sind. Erst dann werden sich die Organe deS Ministers von Koerber sicher verpflichtet fühlen, desien Versprechen einzulösern „allen Verletzungen der den Juden gewährleisteten Rechte energisch entgegenzutreten" und Tragödien wie in Holleschau aufzuführen, bei welchen nur die Verführten bluten und die antisemitischen Verführer aber straflos ausgehen, weil die österreichischen Staatsmänner diese als Mitkämpfer gegen den Liberalismus schonen zu müssen glauben. Bei einer Staatskunst, die nach dem Grundsatz Torquemadas arbeitet: „Besser für die Verwesung als für die Freiheit!" muß schließlich die Kultur wir die Dolkswohlfahrt den Krebsgang gehen. Was jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle vor sich geht, möge *dem deutschen Volke als warnendes Beispiel dienen; vom Antisemitismus ist nur politische und religiöse Unfreiheit zu erwarten; nicht etwa für die Juden allein, sondern für die Gesammtbevölkerung; denn — eineFreiheit macht unS alle frei!