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Im deutschen Reich · 1900-03-01 · Heft 3 (März 1900) · p. 155

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 3 (März 1900)
Article
Nürnberg
Date
1900-03-01
Page
155 (sequence 2)
Language
German
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Korrespondenzen. 155 die Verhältnisse des JudenLhums vor 2000 Jahren. Die Fadel des Ritualmordes wird am Besten der Zweite Sachverständige Herr Dr. Ziemlich zu erörtern haben. Ich selber werde mich darauf beschränken, über die fälschlich herangezogenen Agapen oder Liebesmahle sowie über die Stellen der alten kirchlichen Geschichtsschreiber mich zu äußern, welche in antisemitischem Sinne ausgedeutet worden sind. Was nun die sogenannten Liebesmahle anlangt, so sind dieselben eine spezifisch christliche Einrichtung und zwar der ersten Christengemeinden einfache Mahlzeiten im Zusammenhang mit dem Gottesdienst, welche in der Feier ^des Abendmahls gipfelten. Mit den Juden haben die Agapen absolut garnichts zu thun; und von Agapen-Juden zu reden, ist ein w i s s e n - schaftlicher Unsinn. Das Christenthum nun war lange Zeit im römischen Staat eine verbotene Religion. Darum blieb den ersten Christengemeinden nichts übrig, als ihre religiösen Zusammenkünfte in Privathäusern oder auch an einsamen Orten, wie den Katakomben, zu veranstalten. Dies aber erregte den Verdacht der Heiden, welche nun aussprengten: Die Christen sind ganz gefährliche Leute, sie trinken das Blut ihrer Kinder (man denke an das mißverstandene Abendmahl), halten thyesteische Mahlzeiten und begehen Oedipus-ähnliche fleischliche Verirrungen. Natürlich war an diesen Gerüchten kein Wort wahr. Juden aber haben bei den Agapen niemals theilgenommen. Ich komme nun zu den Citaten aus Eusebius und Epiphanius, Irenaus und Augustin. Eusebius weist die gegen die ersten Christen erhobenen Vorwürfe mit Entrüstung zurück. Mit der jüdischen Religion hat dieses nichts zu thun. Die anderen Schriftsteller bekämpfen den Gnostizismus, d. i. die Anhänger eklektischer Religion-Philosophen. Die Gnostiker sind weder Juden, noch C h r i st e n; sie brauen sich ihre Religion aus allen möglichen Systemen zusammen. Diese Gnostiker bedeuteten für das jung aufstrebende Christenthum keine geringe Gefahr. Wohin wäre dieses gekommen, wenn man dem Gnostizismus Eingang gestattet hätte! Nun gab es freilich judaisierende Gnostiker wie Cerinth, Basilides und ValentinuS, von denen der letztere durchaus auf Heiligung des Lebens und Sinnes drang. Libertinistische Verirrungen stellten sich erst bei ihren Nachfolgern ein. Allein halten wir unS gegenwärtig: Diese Gnostiker waren keine Juden, ebensowenig wie die heidnischen Gnostiker, bei denen nur zu häufig die häßlichsten Ausschweifungen sich finden. Diese sind es vornehmlich, welche die christlichen Geschichtsschreiber befehden. Aber eS gehört eine große Unverfrorenheit dazu, bei antisemitischen Angriffen statt der

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