Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-02-01
- Page
- 84 (sequence 9)
- Language
- German
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84 Im deutschen Reich. dem immenS reichen Erzherzog Friedrich von O e st e r r e i ch , der wahrlich nicht unter jüdischem Einfluß steht, aber sicher längst den Bergleuten nachgegeben und damit das Ende des leidigen Streiks herbeigeführt hätte, wenn er und die Grafen Larisch und Wilezek wirklich unter solchem Einfluß ständen. Diese Verhältnisse kennt wahrscheinlich niemand genauer als Oswald Zimmermann, der als Nertrauensmann der „deutsch-völkischen" Nordböhmen sich wiederholt so nachhaltig in österreichische Verhältnisse einmischte, daß seinem Blatt lange Zeit das Postdebit in Oesterreich entzogen war. UebrigenS muß man den deutsch-völkischen Böhmen die Gerechtigkeit widerfahren lasien, daß ihr Antisemitismus, seitdem der Einfluß Georg Schönerer's geschwunden ist und auch fremde Einmischung sich nicht mehr so fühlbar macht, wesentlich nachgelassen hat. Um so bedenklicher sieht eS in den czechifchen Distrikten Böhmens und Mährens aus, wo man die Juden nicht wegen ihrer Religion oder ihrer Rasse, sondern als „Pioniere des Deutschthums" haßt, also wegen einer Arbeit, die ihnen bisher in jenen Gebieten nicht gerade viel Dank eingetragen hat. Es ist aber sehr bemerkenswerth, daß in demselben mährischen Orte H o l l e s ch a u, in welchem bekanntlich vor einigen Monaten czechische Gewaltthätigkeiten und Plünderungen an Juden verübt wurden, in den ersten Februartagen auf dem katholischen Friedhofe alle Grabdenkmäler mit deutschen Inschriften theils umgeworfen, theilS besudelt worden. Einige der geschändeten Grabsteine tragen mit Kreideschrift den czechifchen Vermerk: „Nur czechische Inschriften, nicht aber deutsche!" Es hat übrigens auf die czechifchen Antisemiten keinen geringen Eindruck gemacht, daß der Erfinder deS „BlutmärchenS von Nachod", Joseph Cejp aus Bohdusin, dem Kreisgericht zu Königgrätz in Kelten zugeführt wurde. Cejp hat unter Eid den jüdischen Kaufmann E. Korn in Nachod beschuldigt, er habe sein Dienstmädchen Marie Cervenka ermordet. Auch nach der Auffindung der unverletzten Leiche deS Dienstmädchens in der Mettau beharrte er auf seiner Aussage. Nach durchgeführrer Untersuchung ist er aber nun wegen falschen Eides, sowie gleichzeitig wegen anderer Delikte dem Kreisgerichte eingeliefert worden. Der angebliche Erfolg der Antisemiten bei den französischen Senatswahlen hat sich weit unbedeutender erwiesen, als nach den ersten Nachrichten über den Ausfall derselben anzunehmen war. Die Wahl des Generals Mercier kann nur als eine Verbeugung vor der Armee gelten, welcher die Wähler eine Revanche für den Ausgang der Dreyfus-Affaire zu verschaffen glaubten. Die realistischen Anhänger deS antisemitischen Herzogs von Orleans haben von dem General Mercier