Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1900)
- Article
- Deutsche Volksvertreter jüdischen Bekenntnisses
- Date
- 1900-02-01
- Page
- 68 (sequence 12)
- Language
- German
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68 Im deutschen Reich. eines Tages in der Wohnung meines ältesten Bruders traf. Er hatte dessen Töchterchen, das sich bei einem Sturz von der Treppe die Wange aufgeschlagen hatte, auf dem Schooße. So saßen sie auf dem Fenftertritte und plauderten wie zwei alte Spielkameraden miteinander, während er die Wunde reinigte, untersuchte und verband. Wenn die Kleine dabei auch einmal das Mäulchen schmerzlich verzog, gleich darauf lächelte sie wieder. Seine zarte Berührung, seine großen, milden Augen, die freilich im sittlichen Zorn furchtbar aufflammen konnten, seine sanfte Stimme, die so entzückend, zu plaudern verstand, erfüllten die Kleine und gewiß jedes Kind, das er behandelte, mit dem hingebendsten, liebevollsten Vertrauen. Der Rabbiner Dr. Bamberger bezeichnete an seinem Sarge sein Grab als eine Wallfahrtsstätte für die Gegenwart und Zukunft, wo gar viele die Weihe größerer Erinnerung für ihr eigenes Leben einst suchen würden. „Bei dem ersten Blick auf das Leben Johann Jacoby'S," äußerte er, „weiß man in der That nicht, ob man in ihm mehr den hohen Charakter ehren oder den tiefen Denker bewundern oder den Menschen lieben soll. Aber bei näherer Würdigung des Mannes wird man bald erkennen, daß es gerade das Zusammentreffen dieser einzelnen Geistes- und Herzenszüge gewesen ist, das seine Größe ausmachte." Der Redner schloß und ich schließe mit ihm: „Bei dem Blicke auf den reichen Inhalt seines Lebens wissen wir, daß er uns ein Erbe hinterlassen gleich einem Könige und Reichen. Die Nachwelt wird lange ernten an den Früchten seiner Saaten, die er ausgestreut in Wort und That, vor allem durch sein Beispiel, da» er uns gegeben. Sein Leben stand stets auf der Höhe seiner Erkenntniß und ist auch deshalb von bleibender Bedeutung, weil er selbst der freie Mann war, den er als Urbild erkannte. Die Freiheit, die er für andere erstrebte, für sich selbst hat er sie alle Zeit besessen, hat uns gezeigt, daß, wer äußere Freiheit erstrebt, sich vorher zum inneren freien Menschen in der höchsten Bedeutung des Wortes empor geläutert haben muß. In dieser inneren Freiheit fand er den Schwerpunkt und dm Mittelpunkt seines Lebens, jenm Gleichmuth, der, wie sein ganze» Leben, auch seinen Tod verklärte. Er wußte zu leben wie ein Weiser alter Tage und starb mit dem Muthe eines Heldm. So wandelte er in unserer Mitte, so lebt er in unserem Geiste."