Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- Dr. G. Stille [Rezension]
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 53 (sequence 6)
- Language
- German
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Bücherschau. 63 Staatsgesetzen und obrigkeitlichen Verordnungen den Gehorsam zu verweigern. Zunächst identifiziert Herr Stille eine behördliche Anordnung mit einer obrigkeitlichen Verordnung und dem Staatsgesetze; solche Kopfsprünge muß er machen, damit er die Juden als Anarchisten hinstellen könne. Wäre es nicht erfolglos, so würden wir Herrn Stille empfehlen nachzulesen, was in diesen Blättern vor Jahren über die enge Verwandtschaft des Antisemitismus mit dem Anarchismus gesagt und nachgewiesen ist. Ferner weiß Herr Stille nicht oder hat es nur vergessen, daß die Juden zu allen Zeiten, mochten sie die' Segnungen des Friedens und der Ruhe genoffen oder die schlimmsten Bedrückungen erduldet haben, dem Grundsatz ihres SchriftthumS treu geblieben sind: „Das Staatsgesetz steht über dem Religionsgesetz.^ Wir freuen uns, dieses Gebot zu haben, zu üben und der Forderung gegenüberstellen zu können, daß Raffenhaß das Staatsgesetz diktiere (vgl. z. B. S. 43 f.); „ein dauerndes Staatswesen oder eine eigene Kultur zu bilden", erstreben wir nicht mehr. Sicherlich hat Herr Stille diese Unfähigkeit des Judenthums S. 29 erwähnt, nicht weil es ihm eine Genugthuung bereitet, eine Schwäche des Judenthums aufgesunden zu haben, sondern vielmehr, um in seiner Nächstenliebe die Juden zu warnen, die von einem eigenen Staatswesen träumen. Für einen solchen Träumer hält der Verfasser wohl auch den Stadtverordneten Sanitätsrath Dr. Neumann, den jugendsrischen Greis von 80 Jahren, dem er (S. 32) verräth, „daß der Antisemitismus existiert hat, so lange es Juden gegeben hat, und voraussichtlich erst mit dem Tode des letzten Nachkommens Jakob's aufhören wird." Den genauen Kenner und treuen Bekämpfer des Antisemitismus wird die Belehrung durch Herrn Dr. Stille ebenso erfreut haben wie die Prognose, die der gelehrte Antisemit der Neumann'schen Diagnose des Antisemitismus gegenüberstellt. Vielleicht „verräth" uns Herr Dr. Stille gelegentlich, zu welchen Hoffnungen der Antisemitismus berechtigt, wenn es ihm trotz seines langen Kampfes bisher nicht gelungen ist, das Judenthum zu unterdrücken oder auch nur zu schwachen. Wir sehen seiner Antwort mit Ruhe entgegen; denn wir fürchten ihn ebenso wenig wie seine Vorgänger, Vorbilder und Kampfgenoffen. Seine Schrift beschließt Herr Dr. Stille mit einer „Beleuchtung des Gegenstandes durch Herrn Klausner uns durch die Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause" Herr Klausner wird sich seiner Haut wehren, wann, wo und wir er es für nöthig hält; wir wollen nur feststellen, daß der Verfasser nach der von ihm beliebten und erlernten Methode Herrn Klausner angreift oder lobt, je nachdem er dessen Ausführungen für sich verwerthrn kann oder nicht. Unringe-