Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Umschau. k der Führer der deutsch-sozialen Neformpartei, Liebermann von Sonnenberg, sich zu dem Geständniß herbeiließ, daß die antisemitische Bewegung an einem todten Punkt angelangt sei, wurde diese offenherzige Aeußerung vielfach auf eine vorübergehende Mißstimmung zurückgeführt und als eine völlig unzutreffende Schilderung der politischen Lage bezeichnet. Um so mehr verdient es Beachtung, daß Liebermann seit dem 21. Januar nicht mehr den Vorsitz der deutsch-sozialen Neformpartei führt und daß auch der „Vater des Antisemitismus", der frühere Hofprediger Adolf Stöcker, durchaus nicht. in das Triumphgeschrei der Bachler, Wilberg und Kretzer einstimmt, sondern trotz des ihm nachgerühmten „Optimismus" die Lage ziemlich ebenso wie Liebermann von Sonnenberg beurtheilt. Als die Berliner Christlich-Sozialen am 3. Januar ihr Stiftungsfest im Eiskeller-Saale, also in demselben Lokale feierten, von welchem die sogenannte „Berliner Bewegung" im Jahre 1878 ihren Ausgang nahm, erklärte Stöcker am Schluffe seiner Festrede: „In der Politik gehr es wie auf dem Meere: Welle auf und Welle ab. Wir sitzen nun gerade in einem Wellenthal; aber das sagt uns, daß wir auch wieder auf die Höhe kommen müffen. Es ist zu allen Zeiten so gewesen» Deshalb werden wir im neuen Jahrhundert unverdroffen und treu weiter arbeiten, und zur Stunde, da Gott eS will, sollen unsere Fahnen wieder fliegen." Das ist weder die Sprache eines Siegers noch die eines Führers, der auf schnelle Erfolge rechnet, jedenfalls aber die eines erfahrenen Politikers, der mit Thatsachen rechnet. Wenn trotzdem einzelne antisemitische Organe seit dem Beginn des neuen Jahrhunderts in Siegeshoffnungett zu schwelgen scheinen, ändert dies nicht das Geringste daran, daß tatsächlich die Gebildeten unter der Bevölkerung sich von dem geisteLarmen und wüsten Treiben der antisemitischen Partei angewidert fühlen und daß die begabteren Elemente in ihr mehr und mehr Neigung zeigen, in das Lager des Bundes der Landwirlhe, der Konservativen oder anderer Fraktionen abzuschwenken, um noch rechtzeitig dort eine Zuflucht zu finden. Diesen Werdegang nicht zu verhindern, ist rathlich, wenn wir auch von den Konservativen und Agrariern keine besonderen Freundlichkeiten zu erwarten haben. Der Uebergang eines sehr großen Theils der deutsch-sozialen