Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- Carl Gottlieb Hauptmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 12 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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12 3m deutschen Reich. Doch sieht man sich mit Hellen Sinnen Dies Treiben frei und offen an, So wird man bald den Schluß gewinnen. Daß es beweget jedermann, Gleichviel, wess Glaubens, Volks und Stand's- Ob angehörig welchen Lands; Ein jeder will vom Vortheil leben, Vom Nachtheil kann er's eben nicht; Auch will sich jeder gern erheben, Dem's nicht an Strebensgeist gebricht; Und wer's zum höchsten bringen kann, Gilt stets als ehrenhafter Mann. Drum soll man richten nicht und rechten Mit andern, die von andrer Art; Giebt's doch der Guten und der Schlechten In jedem Kreis, bei jeder Art. Denn was man für sich selbst begehrt, Dess' halte man auch andre werth. Hat doch die Menschheit edlem Zielen Für Ehr' und Wohlfahrt sich zu weih'n, Als alten Wahn neu aufzumühlen, Wobei nichts gutes kann gedcih'n. Nur Menschenlieb' und Duldsamkeit Sind Förd'rer glücklich froher Zeit. Die Religion hängt nicht an Formen, Die Menschemvill' ihr aufgedrückt; Nur Lieb' und Wahrheit sind die Normen, Wodurch sie Geist und Herz beglückt. Auch Christus, unser Heiland, hat Nur dies bezeugt durch Wort und That. Das sind die schlichten Worte eines achtzigjährigen Greises, eines Mannes aus dem Volke. Und wenn man nach dem Satz verfährt, daß man die Stimmen wägen, nicht zählen soll, so fällt nach meinem Erachten dies schlichte „Wort zur Judenhetze" weit mehr in's Gewicht, als manche andere dickleibige Bücher, die zu Gunstm des Judenthums geschrieben werden mögen.