Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 661 (sequence 10)
- Language
- German
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■tVIBTBfttUT W friedenheit der czechischen Mafien, seit Jahren und Jahrzehnten angehäust, wird non den korrupten politischen Führer« und den hochadeligen Latifundienbesitzern auf die armen Juden in den böhmischen und mährischen Landstädten! und Dörfern,-auf deren Fensterscheiben, Hausrath und Ladenvorräthe, abgelenkt. Sehr geschickt! Die. Mache üerräth die Meister. Es sind die Klerikalen, die die Judenplünderungen züchten, und die Bekämpfung des Klerikalismus, dieser größten Gefahr für die. Entwickelung Oesterreichs, ist es auch, die den Professor Masaryk auf das Polnaer Thema und im weiteren Verlauf in den Ruf des czechischen „Zola" brachte." Weil'dieser Ehrenmann es wagte, das Kuttenberger Gerichtsverfahren im Polnaer Mordprozeß zu'kritisierend würde er sowie seine an der Prager Universität studierende Töchter von den antisemitischen Studenten beschimpft und aüsgetrieben; die Broschüre Masarpk's wurde beschlagnahmt und gegen ihn das subjektive Verfahren eingeleitet. Während die klerikalen Antisemiten Oester» reichs mit den czechischen Antisemiten Hand in Hand gehen, tritt die äntikatholische Tendenz der rafieantisemitischen, deutsch-völkischen Gruppe in Oesterreich immer deutlicher hervor. Der katholischen „Köln. Volksztg." wird aus Böhmen berichtet: „Fast alle deutschvölkischen Blätter haben die Zeitrechnung nach Christi Geburt abgeschafft'' und rechnen „nach Noreja", so die „Aussig-Karbitzer Volkszeitung" und die,,Wacht an der Eger", der „Deutschvölusche Arbeiterführer" u. s. w., die sämmtlich „im Jahre 2012 nach Noreja" schreiben. Auch die üblichen Monatsbezeichnungen werden als rückständig nicht mehr gebraucht. Die Deutschradikalen und die Antisemiten leben nicht mehr nn November 1899, sondern im „Nebelung 2018 nach Noreja". Bei Noreja fand nämlich 113 vor Christi die große Schlacht zwischen Cimbern und.Nömern statt, wobei diese auf's Haupt geschlagen wurden." Bis zu den Extravaganzen der deutsch-völkischen böhmischen Antisemiten oder bis zu czechischen Plünderungszügen haben es die französischen Antisenüten zwar selbst in den hitzigsten Zeiten der Dreysus-Kämpfe nicht gebracht; der czechische Antisemitismus scheint jedoch ein Ableger des französischen Nationalismus zu sein. Aber - während in Paris die Gesundung der Verhältnisse fortzuschreiten scheint, liegen die Dinge in Böhmen und Mähren noch sehr im Argen. Aber kommen wird der Tag, wo auch dort die Kulturarbeit wieder beginnen, und wo man in Frankreich die Juden als gute Franzosen und in Oesterreich als gute Oesterreicher und dort zugleich als „Pioniere des Deutschthums" schätzen wird. ' Schon jetzt sagen sich überall die unbefangenen Patrioten im Stillen: „Die Antisemiten sind nicht nur eine Geißel der Juden, sie sind unser Unglück!" A. L.