Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 654 (sequence 3)
- Language
- German
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654 Im deutschen Reich. liebe, Gleichheit undFreiheit zu rauben suchen, indemfi«ihnen beständig die Rückkehr zu den mühsam überwundenen rohen Anschauungen de- Mittelalters als das einzige Mittel zur Erlangung der Wohlfahrt anpreisen. Die Vernichtung der Gleichstellung der Juden ist den Antisemiten ja nur daS Mittel, dahin zu gelangen, alle übrigen fteiheitlichen Errungenschaften zu zertrümmern; hinter dem religiösen Fanatismus und dem Chauvinismus verbirgt sich der Schildknappe der Reaktion! Wo der Antisemit übermüthig die Maske lüftet, verräth er sein letztes Ziel durch triumphierende Aeußerungen, wie z. B. diejenige des Verbandsvorsitzenden Böckler in der Hauptversammlung des Brandenburgischen Provinzial-Verbands der deutsch-sozialen Reformpartei: „Völlig bankerott ist namentlich die freisinnige Partei, die nur noch durch die Berliner Judenpresse gehalten wird!" Um so verwunderlicher ist es, daß, während die Antisemiten völlig zielbewußt mit der Vernichtung der Emanzipation den Kultur» fortschritt zu vernichten suchen, freisinnige Politiker nicht einsehen, daß der Liberalismus Selbstmord begeht, wenn er, seinen Prinzipien untreu sich dem Rasienhasse und dem .religiösen Vorurtheil gegenüber zu Zugeständnisien herbeiläßt. Ueber die Vorgänge bei der Stadtverordnetenwahl im 45. Kommunalbezir! in Moabit schrieb deshalb die „Berliner Zeitung": „Ein trauriges Zeichen politischer Unreife haben sich jene freisinnigen Wähler selber ausgestellt, die am 27. November in der Stichwahl für den Antisemiten Ulrich gestimmt haben. Von den 653 Stimmen, die in der Hauptwahl für den liberalen Kandidaten Goeroldt abgegeben wurden, gingen nur 44 auf den Sozialdemokraten, dagegen 860 auf den Antisemitm über; 249 liberale Wähler blieben zu Hause. Bei diesem Resultat ist allerdings in Betracht zu ziehen, daß für den liberalen Kandidaten, der selber kaum als freisinnig zu bezeichnen ist, eine große Anzahl nationalliberaler und konservativer Wähler gestimmt hat, denen Herrn Ulrich's Radau-Antisemitismus unsympathisch ist." Die „Volks-Zeitung" nannte den Vorgang „einen freisinnigen Rekord in der Gesinnungslosigkeit" und schrieb von „freisinnigen Helfershelfern des Antisemitismus"; der sozialdemokratische „Vorwärts" bezeichnete den seltsamen Vorgang als „die Abdankung der freisinnigen Partei zu Gunsten deS Antisemitismus"; die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" nannte die Wahl des Antisemitensührers eine der „Leistungen des Bezirksvereins-Liberalismus"; die „Staatsbürger-Zeitung" aber jubelte: „Man kann daraus ersehen, daß selbst der Freisinns-Philister noch eine Grenze kennt, die er, trotz aller Verhetzung der jüdischen Organe,