Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 11 (November 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-11-01
- Page
- 622 (sequence 2)
- Language
- German
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622 3m deutschen Reich. seien, wie er sogar nicht vor der Behauptung zurückschrecke, eine bekanntlich nur in der Phantasie der Antisemiten bestehende jüdische Geheimregierung, der „Kahal", habe schon zur Zeit des Königs Ahasverus existiert und dem damaligen Antisemiten Haman den Untergang bereitet. Der Redner betonte, daß auch die heutigen Antisemiten für diesen Haman Sympathien empfänden, weil ihr letztes Ziel ein gleich verbrecherisches sei. Hetzereien, wie die in der besprochenen Schrift enthaltenen trügen wesentlich dazu bei, schlimme Instinkte zu wecken und machten Gewaltthaten erklärlich. Die entsetzliche Frevelthat eines Sohnes des französischen Generals Mereier, ein kürzlich aus einer deutschen Stadt berichteter Meuchelmord, die Plünderungsscenen in Böhmen und Mähren böten hinreichend Beweise dafür, wie demoralisierend überall die antisemitische Bewegung wirke, wie dieselbe nicht nur Gut und Leben der Juden, sondern die gesammte Civilisation zu vernichten drohe. Dagegen sich mit allen gesetzlichen Mitteln zu vertheidigen, sei eine ernste Pflicht! Die deutschen Juden nicht zum Angriff, sondern nur zur Abwehr geeinigt zu haben, sei ein Verdienst des Central- Vereins. Möge es demselben vergönnt sein, in einer künftigen, friedlicheren Zeit seine Abwehrthätigkeit einstellen zu können und dann zum Heile des Judenthums eine Thätigkeit zu entfalten, die sich nur positiven Zielen zuwende. Der Vorsitzende sprach dem Vortragenden, dem am Schluffe seiner Rede lebhafter Beifall gezollt worden, den Dank der Versammlung aus und veranlaßte die letztere, durch Erheben von den Sitzen ihrem Dank Ausdruck zu geben. Nach Eröffnung der Diskussion erwähnte Herr D r. S t e r n die Auslegung einer Stelle des Buches Esther durch Jbn Esra und dann versuchte ein in der Josephstraße wohnhafter Herr L e w i n für das Aufkommen des Antisemitismus den Liberalismus verantwortlich zu machen. Seine Ausführungen fanden wiederholt so stürmischen Widerspruch, daß er es nur der Fürsprache des Vorsitzenden zu danken hatte,. wenn ihm weitere Redefreiheit gegönnt war. Wiederholte Versuche dieses jugendlichen Redners, politische und religiöse Streitfragen zu berühren, wurden aber von dem Vorsitzenden mit dem Hinweis auf die Satzungen des Central-Vereins energisch zurückgewiesen. Sodann widerlegte das Vorstandsmitglied, Herr Dr. O. W i e s e n t h a l, den Vorredner, rügte insbesondere deffen Angriffe auf Männer, welche ein Anrecht auf Achtung und Dankbarkeit der Juden hätten und verließ dann dieses Thema, um in längerer Rede verschiedene den Verein näher angehende Angelegenheiten zu besprechen. Lebhaftes Interesse erregte der Nachweis, daß die „Staatsbürger-Zeitung", welche sich mit ihrer