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Im deutschen Reich · 1899-10-01 · Heft 10 (Oktober 1899) · p. 554

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 10 (Oktober 1899)
Article
Wien
Date
1899-10-01
Page
554 (sequence 2)
Language
German
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554 3m deutschen Reich. wir österreichische Staatsbürger jüdischer Konfession lauten Protest gegen die uns angethane Schmach, die zugleich eine Erniedrigung der Wahrheit, Gerechtigkeit und Humanität, sowie eine Erschütterung der Rechtsgrundlagen in Oesterreich bedeutet. Wir fordern als unser staatsbürgerliches und natürliches Recht, daß die Regierung durch volle Anwendung des Gesetzes solchen lügenhaften, barbarischen und fluchwürdigen Beschuldigungen entgegentrete." — Die „Neue Freie Presse" veröffentlicht ein Schreiben des bekannten Sociologen, Dr. Masaryk, Professor der Philosophie an der czechischen Universität Prag, der sich einem Freunde gegenüber wie folgt äußerte: „Ihr Befremden über die Haltung der czechischen Blätter in der D r e y f u s - S a ch e und der Kuttenberger Gerichtsverhandlung finde ich leider sehr begreiflich; aber Sie verwechseln jungczechisch und radikal mit freiheitlich und fortschrittlich, und überdies beachten Sie nicht, daß sich unsere Organe der wahrhaft fortschrittlichen Richtungen von allem Anfang für DreyfuS und gegen den Aberglauben des Ritualmordes ausgesprochen haben. In der Dreyfus-Affaire habe ich selbst in dem altczechischen „Hlas Naroda" nach der abermaligen Verurtheilung Dreyfus' einen recht sachlichen Artikel gelesen. Ueber diese Verurteilung Dreyfus' ist wohl kein Wort mehr zu verlieren. Ich selbst freue mich jetzt, daß der unglückliche Hauptmann ohne Rücksicht auf die Begnadigung seinen Prozeß weiter führen wird. Gelegentlich des Kuttenberger Prozesses will ich mich nicht über den „Ritualmord" im Allgemeinen verbreiten. Darüber sind die kulturgeschichtlichen Akten geschlossen. Allein erlauben Sie mir im Hinblick auf den speziellen Fall folgende Betrachtung anzustellen. Die Antisemiten werden es nicht müde, die Juden als das Non plus ultra der Schlauheit und Verschlagenheit hinzustellen: wie paßt nun zu diesen Eigenschaften die brutalblöde Unthat in Polna? Wenn heute irgend eine, offenbar geheime Gesellschaft oder Sekte Menschenblut haben wollte, so würde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben verschollenen Opfer in den größeren Städten suchen und nicht auf dem Lande. Von diesem Gesichtspunkte beurtheilte ich alle die in letzter Zeit als Ritualmord angeführten Fälle; auch der Polnaer Mord widerspricht allen Voraussetzungen, die von den Antisemiten selbst in Betreff des geheimen und geheim durchgeführten Ritualmordes gemacht werden. Sollte sich aber irgendwo ein Unglücklicher finden, welcher der antisemitischen Suggestion erliegen würde, so wäre auch dieser Fall auf Rechnung des Antisemitismus und seiner aufreizenden Propaganda zu setzen. Die Antisemiten geben vor, das Volk von den wirthschastlichen Vampyren befreien zu wollen :

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