Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 9 (September 1899)
- Article
- Lazarus, Prof. Dr. M., [Rezension]
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 503 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschan. 603 Autor, der bisher eine zusammenhängende Darstellung der jüdischen Ethik für sich, ohne durchgreifende Verquickung mit der Religionslehre, veröffentlicht hatte; die Trennung zwischen dem Juridischen und Ethischen vermochte auch Faffel nicht zu vollziehen. Wenn auch Lazarus selber einräumen muß, daß gerade vom jüdischen Standpunkt die Achtung vor der Autorität des Gesetzes, der Sinn für Recht und Gerechtigkeit, die Werthschätzung der positiven Satzung zugleich eine sittliche Pflicht ist, wenn er das Kant'sche Wort: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Werth mehr, daß Menschen auf der Erde leben", mit der rabbinischen Allegorie kombiniert: „Gott wollte das Chaos wiederkehren lassen, wenn die Menschen das Gesetz nicht annehmen", — so hat er doch mit glücklichem Takt die feine Grenzlinie aufgespürt, welche die beiden Gebiete scheidet; nicht ohne Grund beruft er sich des Oefteren auf v. Jhering'S bedeutsame Arbeiten, da dieser umgekehrt, trotz seines Bestrebens, das Recht durch Betonung des Zweckbegriffs zu ethisieren, die begriffliche Abzweigung des Juridischen gegen das Ethische, vom Standpunkt des e r st e r«n aus, mustergiltig vollzogen hat. Das Recht ist nur sozial; es stellt die erzwingbaren Normen des Gemeinschaftslebens fest.' Die Sittenlehre ist zugleich individuell; es handelt sich in ihr vor Allem um den Werth der Persönlichkeit als solcher. Lazarus findet demgemäß in der Anerkennung des Heiligkeitsgebiets den Grundzug ethischer Lebensrichtung: „Heilig sollt ihr sein!" Auch hierfür verfehlt der Verfasser nicht, sich auf Kant zu berufen, der zwar den berühmten Ausspruch: „Es giebl überall in der Welt und auch außerhalb derselben nichts Gutes als allein ein guter Wille", öfters mit dem Worte der christlichen Bergpredigt stützt: „Ihr sollt vollkommen sein"; aber dieses (griechische, überlieferte) Wort in Jesus' Munde ist doch wahrscheinlich nur ein mehr sprachlich als begrifflich modifiziertes Citat des wiederholt vorkommenden Spruches aus der Thora: „Ihr sollt heilig sein." Man würde nun fehlgreifen, wenn man Lazarus' gelegentliche Berufung aus Kant, Lotze, W. v. Humboldt, v. Jhering u. a. Denker, die den ethischen Problemen nachgegangen sind, als Beweis dafür ansehen wollte, daß es ihm ganz besonders darum zu thun sei, mit seiner geschichtlich-objektiven Darstellung den Eindruck hervorzurufen, daß die von ihm dargelegte Ethik zugleich ebensowohl den Anforderungen des modernen Gesellschaftsideals wie den Postulaten der absoluten Vernunft-Moral an sich entspreche. Es läßt sich nicht leugnen, daß hier und da ein Werthlegen auf solche persönliche Ueberzeugung hindurchblickt: die jüdische Moral ist die wahre Moral. Aber wer wollte das ver»