Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 9 (September 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 476 (sequence 10)
- Language
- German
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476 Im deutschen Reich. Märtyrers öffentlich bekannt wurde, schrieben die reoisionsfeindlichen französischen Blätter: „Seit der Emser Depesche jenes Bismarck können wir uns durch deutsche Lügen nicht mehr betrügen kaffen." Und solcher Schimpf laßt die Männer kalt, die sich mit ihrer deutschnationalen Gesinnung zu brüsten pflegen? Es gereicht der Reichsregierung zur höchsten Ehre, daß vor dem Urtheilsspruch in Rennes im amtlichen Theile des „Deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger" jene feierliche Kundgebung erfolgte, die mit den Worten eingeleitet wurde: „W ir sind ermächtigt, n,a ch st e h e n d die Erklärungen zu wiederholen, welche hinsichtlich des französischen Hauptmanns Dreyfus die kaiserliche Regierung, bei loyaler Beobachtung der einer fremden inneren Angelegenheit gegenüber gebotenen Z u r ü ck h a l t u n g, zur Wahrung ihrer eigenen Würde und zur Erfüllung einer Pflicht der Menschlichkeit abgegeben hat." Daß eine solche Erklärung in Paris und Rennes mißachtet wurde, beweist nur, daß der verrohende Judenhaß sowohl die antisemitischen Generalstäbler in Frankreich als auch ihre guten Freunde diesseits der Vogesen taub gemacht hat für die edelmüthige Sprache einer Regierung, die, ihrer Kraft bewußt, in der Dreyfus-Frage eine bewundernswerthe Haltung beobachtete. Unverkennbar haben die französischen Antisemiten ihrem Vaterlande einen sehr üblen Dienst geleistet und die deutschen Judenfeinde haben bei der Nachricht von der Verurtheilung in Rennes zu früh gejubelt. Ihr Verhalten bei dieser Gelegenheit hat eS aller Welt offenbart, daß unsere Antisemiten bei jeder Judenhetze ihr eigenes Deutschthum verleugnen. Der Jude Dreyfus dagegen hat selbst trotz der ihm von antisemitischen Franzosen zugefügten unsäglichen Leiden, nicht eine Minute vergeffen, was er seinem französischen Vaterlands fchuldet! Wenn irgend etwas geeignet war, die Volksstimmung in Deutschland dem Antisemitismus abwendig zu machen, so war es das tiefe Mitleid aller menschlich fühlenden Herzen mit dem schweren Unrecht, welches in Rennes dem unglücklichen jüdischen Hauptmann, seinem heldenmüthigen Weibe und seinen trefflichen Vertheidigern trotz der von der deutschen Regierung verbürgten Unschuld des Angeklagten in gefühlloser Weise zugesügt worden ist. In Palast und Hütte, sogar in einzelnen Familien antisemitischer Parteigänger, sind dem Schicksal dieses unglücklichen Opfers schnöden Judenhasses von warmherzigen deutschen Frauen Thränen des Mitgefühls geweiht worden. Aus der allgemeinen