Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 421 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 421 „Dem Sieger gehört di« Beute!" ist nie ein ehrlicher Patriotismus zu erwarten. Der Führer der Wiener christlichsozialen Antisemiten, der Bürgermeister Dr. Carl Lueger, ist ein maßloser Mensch, der seine Amtsgewalt einzig und allein auf das Ergebniß der Parteipolitik gründet. Ohne Noth haben er und seine Beigeordneten ihren politischen Gegnern die gemeinsten Schimpsworte zugeschleudert. Daß Lueger die Sozialdemokraten als „nichtsnutzige Buben und Diebsgesindel" bezeichnet«, erregte große Entrüstung. Eines Tages zogen 15 000 Personen auf der Wiener Ringstraße daher, um den Bürgermeister über ihre Gesinnung zu vergewissern. Dieser ließ die Polizei Vorgehen, und nun kam es zu wüsten Scenen, nach welchen 45 Verhaftungen stattfanden. Neben dem Rufe „Los von Rom" ist jetzt in Wien der Ruf „Pfui Lueger" aufgekommen. Die „Kreuz-Ztg." und andere gesinnungsverwandte deutsche Blätter schreiben dies der angeblichen Thatsache zu, „daß das Judenthum in Oesterreich ganz ausschließlich die Zügel der Sozialdemokratie ergriffen habe." Dabei verhehlt aber die antisemitische Presse, daß die von den Abgg. Wolfs und Schönerer geleiteten judenfeindlichen Deutsch-Nationalen in Oesterreich die heftigsten Gegner Lueger's sind und daß in der von Tausenden besuchten Versammlung im Kolosseum in Wien, in welcher das Regiment Lueger's auf's schärfste verurtheilt wurde, der christliche Redner, welcher nicht die Sozialdemokratie, sondern das freisinnige Bürgerthum vertrat, Dr. Vogler, die begeistertste Zustimmung fand. Der Bürgermeister von Wien hat auch die Gunst der Massen nicht durch sei«? Judenhetzerei, sondern dadurch verscherzt, daß er in die Wahlreform nicht das unbedingte allgemeine Wahlrecht ausgenommen, sondern das Wahlrecht auch für den dritten Wahlkörper an einen Steuersatz gebunden hat, welcher die ihm gefügigen kleinen Gewerbetreibenden auf Kosten der Arbeiter begünstigt. Kläglich mißglückte der Versuch, seine Popularität durch ein Attentatsmärchen wieder herzustellen. In einer Kneipe in Fünfhaus sollte ein Arbeiter ein „scharfgeschliffenes Dolchmesser" hervorgezogen und angekündigt haben, daß dieser „Dolch für das Herz Dr/ Lueger's gehöre". Darob großes Entsetzen bei den Anwesenden, Verhaftung des Gefährlichen rc. Die schaurige Geschichte wurde von der christlich-sozialen Presse weidlich ausgebeutet, bis endlich die angestellten Erhebungen ergaben, daß der Verhaftete, ein stellenloser Kommis, ein eifriger Anhänger Lueger's und der christlich-sozialen Partei war, welcher an jenem Tage dem Weine zu reichlich zugesprochen hatte, aber nachdem er nüchtern geworden, bestimmt erklärte, den Dolch gekauft zu haben, um seine ungetreue Geliebte und dann