Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 358 (sequence 8)
- Language
- German
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858 Im deutschen Reich. Wahlordnung und das neue Gemeindestatut von Wien, welche dort die Herrschaft der Christlich-Sozialen weiterhin befestigen sollen, die Genehmigung der Negierung. Die Wiener Juden sehen dem sonderbaren Schauspiel gleichgültig zu; ihr ärgster Feind, Dr. Carl Lueger, ist trotz der alten liberalen Wahlordnung an das Nuder gekommen die neue Wahl-Geometrie wird bei einem Umschwung der öffentlichen Meinung seinen Sturz nicht verhüten! Zu den vorurtheilslosen Organen des Centrums gehört sicher die „Köln. Volkszeitung", welche auch die Dreyfus-Affaire in Frankreich von Anfang an unbefangen beurtheilt und erst kürzlich wieder denjenigen ihrer Glaubensgenossen, welche sich für die französischen „Generalstäbler" begeisterten, gründlich den Text gelesen hat. Aus Anlaß des Antrages auf Ausschließung der Ordensleute vom Unterricht hatte der klerikale Graf de Mun erklärt, es gebe im französischen großen Generalstab nur neun oder zehn Offiziere, im Stab des Kriegsministers keinen einzigen, welcher von Ordensleuten erzogen worden sei. Es sei also eine Niedertracht, die Dreyfussache als eine Machenschaft der Jesuiten hinzustellen. Dazu bemerkte die „Köln. Volkszeitung" am 23. Mai: „Graf de Mun hat sich selbst an der Henry-Sammlung betheiligt, welche ausdrücklich als eine Verherrlichung der im Namen des Vaterlandes begangenen Verbrechen unternommen wurde. Sich katholisch nennende Blätter haben den Erfolg dieser Sammlung als eine von Gott gesandte Rettung der Dreyfusgegner gefeiert. Da ist doch begreiflich, daß die Kirchenfeinde solche Blößen benutzen. War es, menschlich betrachtet, nicht eine g r o ß e D u m m h e i t, sich in die Schanze zu schlagen für einen Generalstab und ein Kriegsministerium, welche, nach dem Bekenntniß de Mun's, meist aus Kirchenfeinden bestehen? Wenn die Katholiken Frankreichs durch die Dreyfuserei Nachtheile erleiden sollten, so wird es nur sein, weil sie freiwillig die Schuld ihrer Gegner auf sich genommen haben und selbst dann noch für ein Urtheil eingetreten sind, als dessen Hinfälligkeit doch schon deutlich zu Tage getreten war." Das Dreyfus- Drama nähert sich einem versöhnenden Schlüsse, aber die Freisprechung des Pariser Aufwieglers Täroulede und des algerischen Bandenführers Max Nögis, besonders aber das Attentat des Grafen Christiani auf den Präsidenten Loubet haben gezeigt, daß damit die antisemitische Demagogie in Frankreich noch keineswegs ihren bedrohlichen Charakter verloren hat. Bedauerlich ist es aber jedenfalls, daß die drei Juden welche in der französischen Deputiertenkammer Sitz und Stimme haben, bei der Erörterung der algerischen Verhältnisse eine recht klägliche Nolle spielten. Sie schwiegen heldenmüthig, als die algerischen Antisemiten mit allen