Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- Gedanken und Erinnerungen von Otto, Fürst von Bismarck [Rezension]
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 245 (sequence 2)
- Language
- German
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BLcherschau. 245 freilich, daß der Fürst zur Zeit seiner Macht daS schmähliche Treiben der Stöcker, von Hammerstein re. nicht, wie er's hätte thun können und müssen, gehindert hat, sondern den Antisemitismus in's Kraut schießen ließ. Doch vergessen wir nicht, daß Bismarcks Sturz, wie aus dem sogenannten Scheiterhaufenbriefe hervorgeht, zum Theil durch die Jntriguen jenes Gewürms herbeigeführt wurde, das er zu seinem und unserem Heile hätte rechtzeitig zertreten müssen, und daß darin eine Art Sühne liegt. Jedenfalls hat Fürst Bismarck an das Bestehen einer „Judenfrage" nie geglaubt. War er doch viel zu klug, um sich von der Furcht anstecken zu lassen, daß 49 Millionen evangelischer und katholischer Deutscher, die alle Leute in einflußreicher Stellung und fast sämmtliche Kolossalvermögen, wie diejenigen eines Stumm, Krupp, Fürsten von Fürstenberg rc., in sich schließen, von einer halben Million recht friedlicher, jüdischer Deutschen unterjocht werden könnten! Wie wenig Fürst Bismarck auf das ganze Geschrei gegen die Juden gab, geht außer anderen uns hier zu weit führenden' Thatsachen gerade auch aus den bis jetzt erschienenen beiden ersten Bänden der „Gedanken und Erinnerungen" hervor. Obgleich sie uns bis zum Jahre 1988 führen, wird doch weder der angeblichen Judenherrschaft, noch des angeblichen nationalen Kampfes gegen die Juden irgendwie gedacht. Wenn ich mich nicht sehr täusche, kommt das Wort Jude in dem ganzen Werke nur einmal (S. 43) vor. Es sind die Juden des Alten Testaments, an welche Bismarck dort denkt, indem er die treffende Bemerkung macht, daß, wie die Juden den Zug durch die Wüste, so die Deutschen die inneren Kämpfe von 1648 und 1866 durchmachen mußten, bevor sie das gelobte Land erreichten. Auch zeigt der große Staatsmann für die, denen seine Auffassung politischer Fragen zum Vorbild dienen, von dem man nicht ohne Grund abweichen darf, in den „Gedanken und Erinnerungen" deutlich genug, wie sich jeder denkende Patriot in Bezug auf die drei wichtigsten Entstehungsgründe des Antisemitismus, in Bezug auf die religiöse Intoleranz, den nationalen Chauvinismus und die ungerechte und thönchte Verallgemeinerung der Fehler einzelner Juden zu verhalten hat. Während heute leider viele Angehörige der herrschenden Konfession Toleranz als Schwäche betrachten, sagt Bismarck: „Ich bin in konfessioneller Beziehung jeder Zeit tolerant gewesen bis zu den Grenzen, die die Nothwendigkeit des Zusammenlebens verschiedener Bekenntnisse in demselben staatlichen Organismus den Ansprüchen eines jeden Sonderglaubens zieht." Ebenso muß auch der chauvinistische Antisemit, solange er noch eine Spur von Wahrheitsliebe und Logik hat, bekennen, daß er sich auf Bismarck nicht berufen darf.