Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- Gedanken und Erinnerungen von Otto, Fürst von Bismarck [Rezension]
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 244 (sequence 1)
- Language
- German
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244 Kjicherscha«. Gedanken und Erinnerungen von Otts, Fürst von Bismarck. 2 Bde. Stuttgart 1896. Cotta Nachfolger. Dieses Werk des verstorbenen großen Staatsmannes wird wie unter allen Deutschen so auch unter denen jüdischen Bekenntnisses zahlreiche Leser finden; es verdient stcher die allgemeinste Kenntnißnahme. Das wichtigste Ereigniß der deutschen Geschichte, die Begründung des Deutschen Reiches, wird darin von dem Manne geschildert, der selbst das meiste gethan hat, um es herbeizuführen. Auf die interessante Darstellung und auf den Nutzen, den die Lektüre für die politische Bildung bringt, kann hier nur kurz hingewiesen werden; ebenso darauf, daß manche Einzelheiten sich in der Erinnerung des greisen Helden anders spiegelten als sie sich in Wirklichkeit verhalten haben. „Wenn die Könige bauen, so haben die Kärrner zu thun", und so wird Bismarck's Buch zu vielen historischen Arbeiter Anlaß geben, die es in Einzelheiten richtig stellen. Es wird sich empfehlen, auch einige von jenen berichtigenden Werken oder ältere gute Arbeiten über die in den „Gedanken und Erinnerungen" behandelte Zeit, wie Sybel's Begründung des Deutschen Reichs oder Alfred Stern's Geschichte Europas von 1815—1871, zum Vergleiche heranzuziehen. — Es ist in dieser Zeitschrift schon oft darauf hingewiesen worden, daß die Antisemiten ganz und gar kein Recht haben, sich an Bismarck's Rockschöße zu hängen, und daß wir uns die Freude an dem großen Manne nicht durch jene Gesellschaft schmälern zu lassen brauchen. Als Bismarck 1847 im Vereinigten Landtage gegen die Verleihung öffentlicher Aemter an Juden sprach, war er noch nicht der große patriotische Staatsmann, sondern ein Vorkämpfer der Adelskaste; und doch könnten wir, wenn auch das, was er sagte, in manchen Punkten nicht richtig ist, nur wünschen, daß unsere heutigen Feinde daraus lernen. Von ven Lügen, die sowohl über unfern Glauben wie über unser sittliches Verhalten von gewissenlosen Feinden zu allen Zeiten verbreitet wurden, sinder sich in jener Rede nichts; Bismarck hielt die Juden nur wegen des festzuhaltenden christlichen Charakters der Obrigkeit für ungeeignet zu Beamtenstellungen. Später hat gerade Fürst Bismarck die rechtliche Gleichstellung der Juden in ganz Deutschland selbst durchgeführt und in der Neichstagsrede vom 30. Jaunar 1872 selbst bemerkt, daß „die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung sich durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte" auszeichnet. Trauriger als Bismarck's Verhalten im Jahre 1847 ist es