Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 3 (März 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-03-01
- Page
- 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316654--05100-2323881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. machen. Aehnliche Vorwürfe bezüglich der Art der Wahlagitation hatten bekanntlich die Antisemiten auch dem Landtagsabgeordneten Oberamtmann Ring gemacht, der gegen die Herausgabe eines Flugblattes, in dem diese Vorwürfe in für ihn verletzender Weise erhoben wurden, eine Beleidigungsklage anstrengte. Vor dem Charlottenburger Schöffengericht wurde deshalb der eine Beklagte, der Redakteur des „Charlottenburger Wochenblattes", Joachim Gehlsen, zu 50 Mk. Geldstrafe verurtheilt, die Klage gegen den Schriftführer des Reformvereins, Alfred Luder, aber als verjährt angesehen. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein wirkliches Bündniß monarchisch und religiös empfindender Politiker, wofür sich doch alle Konservativen ausgeben, mit „Wodansanbetern" und demagogischen Aufwieglern ein Unding ist. Das verhindert aber nicht, daß von Zeit zu Zeit derAnüsemitismusvon einem mandatslüsternen hohen Herrn als „Schwungbrett" benutzt wird, um in den Reichstag oder das Abgeordnetenhaus zu gelangen und sich dort seinen Standesgenoffen anzuschließen, 'die sich die von ihnen nicht erkämpfte Vermehrung ihrer Partei gern gefallen lassen, wenn der Ankömmling nur die Leiter zurückstößt, auf der er die parlamentarische Höhe erklommen hat. Die Antisemiten trösten sich über den dabei erlittenen politischen Fehlschlag dann stets mit der nicht unberechtigten Annahme, daß ihre Tendenzen doch dabei keinen Schaden erleiden. Es kümmerte sie z. B. sehr wenig, welcher Fraktion im Reichstage sich der ehemalige Protektor ihres Lieblings Karl Paasch, der Abg. Tr. jur. Freiherr F. E. von Langen anschloß, weil sie ja doch mit der seinen Namen tragenden antisemitischen Flugschrift: „Das jüdische Geheimgesetz und die deutschen Landesvertretungen" weiter hausieren konnten. Der wegen seiner excentrischen Einfälle bereits bekannte Amtsvorsteher von Klei n-T s ch i r n e, Graf P ü ck l e r, durftedeshalbohneWeiteres auf die antisemitische Gefolgschaft rechnen, als es ihn plötzlich gelüstete, eine politische Rolle zu spielen. Die von ihm am 15. Januar im Gasthause zu Klein - Tschirne gehaltene und später als Flugblatt massenhaft verbreitete, unerhörte antisemitische Hetzrede ist fast allgemein verurtheilt worden; selbst das wenig judenfreundliche Centrumsorgan „Germania" erklärte: „Das ist wohl das Aergste und- — — Gefährlichste, was jemals auf dem Gebiete des Antisemitismus geleistet worden ist: Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten gegen eine Bevölkerungsklasse in aller Form!" — Wiederholt wurde dieses an die schlimmsten Zeiten des Mittelalters erinnernde Manifest eines schlesischen Amtsvorstehers im preußischen Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht. Es steht deshalb zu erwarten, daß der Minister