Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 3 (März 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-03-01
- Page
- 142 (sequence 10)
- Language
- German
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142 Im deutschen Reich. täglich, beschäftigt war, wird seit Oktober 1895 nur noch 60 Stunden in der Woche gearbeitet. In solchen Fabriken, wo es nur jüdische Arbeiter giebt, wird 5 Tage in der Woche gearbeitet, und zwar an den 4 ersten Wochentagen IO1/* Stunden, am Freitag 7>/ä Stunden. In den Fabriken, wo Juden und Christen beschäftigt sind, beträgt die tägliche Arbeitszeit an den ersten 5 Wochentagen 11 Stunden, am sechsten 5 Stunden. Die jüdischen Arbeiter besaßen ehedem ihr eigenes sozialistisches Blatt, das aber seit kurzem eingegangen ist. Außer den beiden genannten Fachvercinen ist noch der 1866 begründete Schleiferverband zu erwähnen, dem gegenwärtig etwa 200 Diamantenarbeitcr «ebenfalls Juden) angehören. Leider habe ich über denselben keine genauen Angaben erhalten können. Was das Privatleben des Diamantenarbeilers anbetrifft, so unterscheidet es sich vollständig von dem der holländischen Arbeiter 4m allgemeinen. Der Diamantenarbeitcr stellt einen besonderen Typus, nicht nur unter den übrigen holländischen Arbeitern, sondern unter den Arbeitern überhaupt dar. Die Beschäftigung mit dem kostbaren Material hat eine gewisse verfeinerte Lebenshaltung des Arbeiters im Gefolge gehabt, und so ist es gekommen, daß der Arbeiter dieses Produktionszweiges eine Art „Arbeiteraristokratie" bildet. Es würde schwer sein, in dem Gentleman, der Abends die feinsten Cas>'-s von Amsterdam aufsucht, den jüdischen Arbeiter miederzuerkenncn, der im blauen Blousenhemd den ganzen Tag über in der Werkstatt arbeitet. Wenn in allen andern Ländern Sparsamkeit und Nüchternheit die hervorragendsten Züge des jüdischen Arbeiters sind, fehlen gerade diese beiden Eigenschaften den jüdischen Diamanten arbeitern vollständig; sie leben sorglos in den Tag hinein und wollen nur um jeden Preis ihr Dasein genießen. Ich war ganz überrascht, als ich einmal in einem großen Amsterdamer Capan einem gut besetzten Tisch in sehr heiterer Gesellschaft einen jüdischen Arbeiter wiedcrfaud, den iä> noch am selben Tage im schmutzigen Kittel über seinen Schleifstein gebückt gesehen hatte. Dieser ausgesprochene Hang zum Wohlleben und Vergnüge», der den Diamantenarbeiter trotz seiner überaus anstrengenden und aufreibenden Thätigkeit kennzeichnet, ist * auf jene Zeit nach den« französisch-deutschen Krieg zurückzuführen, wo die Arbeiter cft